Bildungskrise Spanien: Protest gegen Kürzung an Schulen und Unis – Ausgaben für Bildung sinken

Schulstreik

„Ohne öffentliche Schule - Land ohne Zukunft“, steht auf diesem Transparent. (Bild: ar)

SPANIEN LIVE - 10.05.2013 - Spaniens Schüler, Studenten und Lehrer sind auf den Barrikaden. Mit einem Generalstreik demonstrierten sie am 9. Mai 2013 gegen den „Bildungskahlschlag“, von dem öffentliche Kindergärten, Schulen und Universitäten gleichermaßen betroffen sind. „Bei der Bildung sparen bedeutet, die Zukunft zu beschneiden“, riefen die Demonstranten, welche sich vor Schulen und Unis im ganzen Land versammelten. Zehntausende junge Menschen protestierten in 30 spanischen Städten „für das Recht auf Bildung.“

Wegen der tiefen Schuldenkrise hat Spaniens konservative Regierung auch im Bildungssektor milliardenschwere Einsparungen beschlossen. Dies macht sich zum Beispiel an den Universitäten dramatisch bemerkbar: Die Finanznot der 50 öffentlichen Hochschulen sei inzwischen so groß, dass die Unis in Gefahr laufen „wirtschaftlich zu ersticken“, beklagen die Rektoren. Drastische Etat-Kürzungen führten zum „Niedergang“ des Lehr- und Forschungsbetriebes.

Lehrkräfte werden entlassen, Labors und Bibliotheken geschlossen - Kein Geld mehr für Fotokopien, Kreide und Klopapier

Immer mehr Dozenten müssen entlassen, Labors und Bibliotheken geschlossen werden. Es gebe kein Geld mehr, um Bücher und Lehrmaterialien zu kaufen. Viele Unis seien verschuldet. An eine ernsthafte Umsetzung der Bologna-Vorgaben, welche kleinere Studentenklassen und mehr praktische Übungen vorsehen, sei nicht mehr zu denken.

Auch die Studiengebühren sind um rund 50 Prozent gestiegen, so dass jetzt zum Beispiel allein die jährlichen Einschreibegebühren für viele Studiengänge 1000 Euro übersteigen. Zugleich wurde bei Stipendien die Axt angesetzt.

An den öffentlichen Schulen und Kindergärten sieht es kaum besser aus: Immer weniger Erzieher und Lehrer müssen sich um immer mehr Kinder kümmern. Riesenklassen mit 35 oder sogar 40 Schülern sind keine Seltenheit mehr. Und das in Einrichtungen, in denen zunehmend das Geld für Fotokopien, Kreide und sogar Klopapier fehlt. Ganz abgesehen von genügend modernen Arbeitsmitteln wie Computer, die vielerorts veraltet oder kaputt sind.

Auch eine Bildungsreform sorgt für Ärger, weil sie die Mitbestimmung an den Schulen einschränkt und den Leistungsdruck verstärkt

„Die Lehrer kämpfen auch“, stand auf Protestschildern in den Demonstrationszügen, die durch Spaniens Städte zogen. Die meisten Lehrer hatten sich grüne T-Shirts übergezogen auf denen prangte: „Nein zu den Kürzungen.“ Oder: „Öffentliche Bildung für alle.“

Rund 6,6 Millionen Schüler und Studenten sowie 600.000 Lehrkräfte sind von den Kürzungen im öffentlichen Bildungswesen Spaniens betroffen. Der Zorn an den Schulen wird zudem angefacht durch eine neue Bildungsreform, welche ein strafferes Lernsystem mit mehr Prüfungen, mehr staatlicher Kontrolle und weniger Mitbestimmung von Schülern, Eltern und Lehrern bei schulischen Belangen vorsieht.

Die „harten“ Fächer wie Mathematik, Naturwissenschaften und Fremdsprachen sollen gestärkt werden. Zudem will man die Schulausbildung in der Mittelstufe schon stärker berufsorientiert aufsplitten, je nachdem ob eine Lehre oder das Abitur angestrebt werden.

Das Problem ist freilich, dass nicht mehr, sondern weniger Geld für die öffentliche Bildung bereitgestellt wird. Und dass ein verstärkter Unterricht mit mehr Spezialisierungsmöglichkeiten kaum ohne größere Investitionen möglich sein wird.

Wegen der fehlenden finanziellen Mittel dürfte auch der Erfolg des neuen Schulgesetzes, mit dem der konservative Erziehungsminister Jose Ignacio Wert die Bildungsqualität verbessern will, eher begrenzt sein.

Spanien hat die höchste Quote von Ausbildungsabbrechern in Europa - Jeder Vierte schafft keinen Abschluss - Bildungspolitik ist ideologisch belastet  

Spanien gab laut Eurostat im Jahr 2011 nur noch 4,7 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes (BIP) für die Bildung aus. Nach weiteren Kürzungen dürfte Spanien inzwischen bei unter 4,5 Prozent angelangt sein. Der EU-Durchschnitt liegt bei etwa 5,3 Prozent.

Im europäischen Vergleich befindet sich Spanien bei den Resultaten der Pisa-Studie zum Bildungsniveau regelmäßig unter dem Durchschnitt. Auch die Quote der Schul- und Ausbildungsabbrecher liegt in Spanien mit 24,9 Prozent (2012) fast doppelt so hoch wie im EU-Schnitt - damit ist Spanien europäisches Schlusslicht. 

Grundsätzlich krankt Spaniens Bildungssystem daran, dass es politisch und ideologisch belastet ist. Bei jedem Regierungswechsel versucht die dominierende politische Macht, seit Ende 2011 die konservative Volkspartei, ihre ideologischen Vorstellungen durchzusetzen. So kommt es, dass es in Spanien bereits seit Ende der Diktatur im Jahr 1975 sieben große Bildungsreformen gab. Abhilfe beim Reformchaos könnte wohl nur ein überparteilicher Bildungspakt schaffen. Ralph Schulze

 

ZUR SACHE: SPANIENS SCHULSYSTEM

Die Schulpflicht beginnt in Spanien mit sechs Jahren und endet mit 16 Jahren: Wobei es keine Aufspaltung zwischen Haupt-, Realschule und Gymnasium gibt, sondern eine Art Gesamtschule besucht wird.

Bis zum 12. Lebensjahr, also sechs Schuljahre lang, sind alle Kinder auf der Grundschule (educación primaria). Dann kommt ebenfalls für alle die weiterführende Schule (educación secundaria) mit vier Schuljahren, die mit der Mittleren Reife endet.

Wer zwei Jahre dranhängt, schließt mit dem Abitur (bachillerato) ab. Wer kein Abi machen will, dem steht mit 16 der Weg in eine Lehrausbildung (formación profesional) frei.

Die Einschulung läuft in Spanien übrigens meist ziemlich nüchtern ab: Es gibt keine Zuckertüte, wie etwa in Deutschland. Üblich ist lediglich, dass die Erstklässler am ersten Schultag von Mama und Papa zur Schule gebracht werden. ze

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