Hausunterricht in Spanien umstritten, aber nicht verboten - Hunderte Homeschooling-Familien

Homeschooling

Malen kann man überall. Und lernen? Kann der Hausunterricht die Schule ersetzen? (Bild: ue)

SPANIEN LIVE - 15.05.2012 - Nicht allen Eltern gefällt es, ihre Kinder in eine Schule zu schicken. Meist, weil sie dem Schulsystem nicht trauen und ihren Nachwuchs lieber selbst zu Hause unterrichten wollen. Und weil sie glauben, dass der Hausunterricht ihren Kindern besser bekommt, als ein streng reglementierter Schulunterricht. Auch in Spanien gibt es eine kleine Gemeinde von Homeschooling-Familien.

In Deutschland ist das Unterrichten von Kindern zu Hause untersagt. In Österreich, den meisten Kantonen der Schweiz, in Frankreich, England oder Italien ist es erlaubt. Die USA gelten als das weltweite Eldorado der Homeschooling-Anhänger. Und auch in Spanien wird der Heimunterricht von etwa 2000 Familien praktiziert, obwohl die Rechtslage ziemlich unklar ist.

Muss Unterricht in einer offiziellen Schule stattfinden? – Die Homeschooling-Bewegung sieht nur eine Erziehungspflicht, nicht aber eine Schulpflicht

Über allem steht die spanische Verfassung, welche den Bürgern eine Schulausbildung zusichert. Aber offenbleibt, ob der Unterricht in einer offiziellen Schule stattfinden muss. Auf diese „Gesetzeslücke“ berufen sich jene Familien in Spanien, die ihre Kinder zu Hause unterrichten. Die Asociación Libre Educación (ALE), die Spaniens Homeschooling-Familien vertritt, spricht daher von Erziehungspflicht, nicht aber von Schulpflicht.

Der Dauerstreit zwischen Schulbehörden und Eltern beschäftigte auch schon das spanische Verfassungsgericht: Es entschied gegen zwei Elternpaare aus Andalusien, deren Homeschooling-Begehren abgewiesen wurde. Schule sei nun mal Schule und nicht das Heim, urteilten die Richter. Die Eltern, welche ihre Kinder zu Hause ausbilden oder durch Privatlehrer unterrichten lassen wollten, verletzten ihren Erziehungsauftrag, hieß es weiter.

Auch das Verfassungsgericht schuf keine Klarheit – Sozialarbeiter, Schulinspektoren, Staatsanwälte und Richter prüfen jeden Einzelfall

Dieses Urteil richtete sich jedoch gegen die konkreten Rechtsbeschwerden der beiden Elternpaare und ist nicht allgemeingültig. Auch wenn viele spanische Medien daraus das Ende des Homeschooling ableiteten, beteuern die Anwälte der Schulgegner, dass dieses Urteil nichts an der Rechtslage geändert habe, wonach das Unterrichten zu Hause in Spanien eben nicht ausdrücklich verboten sei.

In der Praxis heißt das, dass die regionalen Aufsichtsbehörden jeden Einzelfall ausgiebig prüfen, da das spanische Bildungsministerium grundsätzlich von einer Schulpflicht ausgeht. Familien, die ihre Kinder zu Hause lassen wollen, bekommen Besuch von Sozialarbeitern, Schulinspektoren und auch vom Jugend-Staatsanwalt.

Diese müssen beurteilen, ob das von der Verfassung garantierte Grundrecht auf Schulbildung in der betreffenden Familie gesichert ist oder nicht. Also ein langwieriger Marathon durch die Behördeninstanzen, der von vielen Betroffenen als „Verfolgung“ und „Spießroutenlaufen“ beschrieben wird. Am Ende des Kriegs mit den Behörden hat dann ein Richter das letzte Wort.

Die Erfahrungen sind offenbar gut, und die Lernergebnisse können sich sehen lassen – Auch ein ordentlicher Abschluss kann erworben werden

In Reportagen, auch im spanischen Fernsehen, wird überwiegend positiv berichtet über die Familien, die ihre Kinder zu Hause unterrichten. Oft sind es Briten, Amerikaner, Belgier, in deren Heimat der Hausunterricht legal ist, oder gemischte Paare.

Manche Eltern sind selbst Lehrer und in den meisten Fällen haben sie viele Kinder, sodass die zu Hause unterrichteten Schüler keineswegs sozial abgekapselt wirken. Die Eltern haben die Kinder offiziell von der Schule abgemeldet und ihren Erziehungsauftrag angemeldet.

Die Homeschooling-Kinder haben später mehrere Möglichkeiten, ihre Schulausbildung nachzuweisen und einen offiziellen Abschluss zu machen: Unter anderem können sie sich mit spätestens 15 Jahren in die normale Schule eingliedern, bestehen das letzte Pflichtjahr der Sekundärstufe (Enseñanza Secundaria Obligatoria) und bekommen ein Abschlusszeugnis.

Und es scheint nicht so, dass die zu Hause Unterrichteten dabei schlecht abschneiden. Studien im Ausland haben gezeigt, dass diese Kinder sozial sehr gut eingebunden sind, keinerlei Verhaltensstörungen zeigen und hohe Leistungen erbringen. Clementine Kügler

Pin It