Jugendarbeitslosigkeit Spanien: 50 Prozent ohne Job - Flucht ins Ausland - Gründe, Ursachen

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Spaniens Zukunft: Die Studentin Maria Ochoa aus Pamplona. Auch sie will im Ausland einen Job suchen. (Bild: spb)

SPANIEN LIVE - 10.07.2012 - „Vor allem die schlechte Arbeit der spanischen Regierungen ist schuld an der Krise“, meint Maria Ochoa auf dem Campus der Universität Complutense in spanischen Hauptstadt Madrid. „Aber auch die Banken und die Gesellschaft, die über ihre Verhältnisse gelebt hat, haben zur aktuellen Situation beigetragen.“ Die 22 Jahre alte Studentin gehört zu jener jungen, verzweifelten Generation ohne Zukunft in Spanien, die am meisten unter der Krise leidet.

Chancenlos und frustriert. Nach Lehre oder Studium einen Job zu finden, ist für Spaniens Nachwuchs fast unmöglich. Inzwischen ist jeder zweite junge Mensch unter 25 Jahren ohne Job. Und wer etwas findet, kommt selten über einen Lohn von 1000 Euro. Die meisten jungen Spanier müssen daher den Traum von der eigenen Wohnung, vom eigenen Leben außerhalb des Elternhauses für lange Zeit begraben.

 „Von zwölf Leuten aus meinem Freundeskreis haben gerade einmal zwei eine Arbeit in Spanien gefunden“

Aber mit dem Frust wächst auch der Kampfgeist: „Wir wollen Eure Krise nicht bezahlen“, skandierten zehntausende junge Spanier, die in den letzten Monaten immer wieder auf Spaniens Straßen demonstrierten.

„Von zwölf Leuten aus meinem Freundeskreis haben gerade einmal zwei eine Arbeit in Spanien gefunden“, erzählt Maria. „Der Rest ist nach England und in die USA gezogen oder studiert weiter, nur um nicht arbeitslos zu sein.“ Mit Fortbildung versuchen viele perspektivlose Hochschulabsolventen, die Krisenzeit einigermaßen zu überbrücken. Obwohl sie natürlich lieber arbeiten würden, denn sie kommen mangels Einnahmen kaum über die Runden.

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In Spanien wachse eine „verlorene Generation“ heran, warnt die Internationale Organisation für Arbeit. Die EU-Kommission beobachtet ebenfalls mit Sorge die Chancenlosigkeit vieler junger Spanier, spricht von einem „Skandal“ und arbeitet an einem Aktionsprogramm gegen die horrende Jugendarbeitslosigkeit. Auch mit der Gesamtarbeitslosigkeit von mehr als 25 Prozent gehört Spanien zu den europäischen Schlusslichtern.

Maria, eine Journalistik-Studentin, kommt aus der Nähe des nordspanischen Stadt Pamplona, ihr WG-Zimmer in Madrid bezahlen ihre Eltern. „Ohne das Geld meiner Eltern wäre ich aufgeschmissen. Mit meinen Nebenjobs als Babysitterin während des Semesters und als freie Mitarbeiterin bei einer Regionalzeitung in den Sommermonaten könnte ich mich nicht finanzieren.“

Bald will sie ihren Abschluss machen. Ihre berufliche Zukunft sieht sie jedoch schon jetzt im Ausland: „Ich werde für ein Erasmus-Jahr nach London ziehen und nach meinem Studium dort Arbeit suchen.“

Auch ohne Wirtschaftskrise und Jugendarbeitslosigkeit in Spanien von über 50 Prozent wäre Maria wohl nach London gegangen, um ihr Englisch zu verbessern. „Aber mit der Idee, nach dem Austauschjahr wieder zurückzukehren“, sagt sie. „Jetzt werde ich sicher dort bleiben, weil es keinen Sinn macht, in Spanien Arbeit zu suchen.“

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Wie sie denken viele junge und gut ausgebildete Spanier darüber nach, ihrem Land den Rücken zu kehren. Für die heimische Wirtschaft birgt diese Massenflucht von Akademikern und Fachkräften die Gefahr, dass einmal der Nachwuchs fehlen könnte, wenn der Konjunkturmotor endlich wieder anspringt und neue Arbeitsplätze entstehen.

Doch wann das sein wird, wagt niemand vorauszusagen. Spaniens Regierung versucht zwar, mit einer Liberalisierung des starren Arbeitsmarktes mehr Jobs zu schaffen: Tarifstrukturen und Kündigungsschutz wurden gelockert. Doch all das blieb bisher ohne Erfolg.

Trotzdem sieht Maria Ochoa für ihr Land in den kommenden Jahren eine Chance,  wieder auf die Beine zu kommen. Sie ist vorsichtig optimistisch: „Spanien wird sich schon wieder erholen“, meint die Studentin, „aber es wird lange dauern.“

Und möglicherweise werden dann im spanischen Königreich manche Dinge nicht mehr so sein, wie in den früheren blühenden Zeiten: „Ich bezweifele, dass wir zum Lebensstandard, den wir vor der Krise hatten, zurückkehren können.“ Simon P. Balzert

 

WARUM IST DIE JUGENDARBEITSLOSIGKEIT IN SPANIEN SO HOCH?

Die jungen Berufsanfänger waren in Spanien schon immer die Schwächsten im Heer der Arbeitnehmer. Sie wurden und werden üblicherweise mit Praktikantenverträgen oder Zeitverträgen zu Minilöhnen eingestellt. Für die Unternehmen sind diese jungen Arbeitnehmer billige Arbeitskräfte, die bei schlechter Konjunktur ohne arbeitsrechtliche Probleme wieder auf die Straße gesetzt werden können.

Das erklärt, warum die jungen Spanier heute besonders von der Wirtschafts- und Jobkrise betroffen sind. Vor allem diese befristeten Verträge, für die es keinen nennenswerten Kündigungsschutz gibt, sind in den letzten Jahren aufgelöst worden. Da zugleich jedes Jahr neue Berufsanfänger nach Abschluss einer Ausbildung nachwachsen, aber derzeit kaum jemand eingestellt wird, wächst der Berg der jungen Arbeitslosen unaufhörlich.

Auch in anderen Ländern Europas sind die jungen Leute deutlich stärker als andere Altersgruppen der aktiven Bevölkerung von der Arbeitslosigkeit betroffen. So steht die Jugendarbeitslosigkeit in der Europäischen Union in 2012 bei etwas mehr als 20 Prozent. Die generelle Arbeitslosenquote liegt hingegen in der EU bei rund zehn Prozent. Ähnlich verhält es sich in Spanien, wo die Quote bei den unter 25-Jährigen etwa doppelt so hoch ist wie die allgemeine Arbeitslosenrate. ze

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