Spanien Gemüseanbau: Arbeitsbedingungen kritisiert - Ausbeutung, Lohndumping, Sklaverei

Gemueseanbau Spanien unter harten Arbeitsbedingungen

Tomaten aus Spanien: Die Bedingungen im spanischen Gemüseanbau wie auch auf Erdbeerfeldern oder Orangenplantagen sind knochenhart. Viele Erntehelfer fühlen sich ausgebeutet. (Bild: Sc)

SPANIEN LIVE - 15.06.2016 - Die südspanische Region Andalusien ist nicht nur ein beliebtes Urlaubsziel. Sondern auch Europas Gemüsegarten, in dem zehntausende Landarbeiter, darunter viele Immigranten, hart schuften. Von hier gehen Gurken, Paprika, Salat, Tomaten und Zucchini auf die Reise in die Supermärkte in den nordeuropäischen Ländern. Und auch die meisten Erdbeeren, die sogar in der kalten Jahreszeit in den Geschäftsregalen stehen, kommen aus Südspanien.

Das Herz dieser Gemüse- und Fruchtplantagen befindet sich in der Provinz Almería am Mittelmeer. Schon von weitem glitzern tausende Glas- und Plastikdächer in der Sonne. Es ist ein Meer aus Treibhäusern, die hier rund 57.000 Hektar bedecken, was etwa ebenso vielen Fußballfeldern entspricht. Die Landwirtschaft ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor Almerías - und die Europäer sind die besten Kunden.

Das Geschäft mit den großen Handelsketten funktioniert nicht nur wegen des auch im Winter milden Klimas gut. Sondern auch, weil hier mit billigen Arbeitskräften angebaut wird. Darunter sind nicht wenige Immigranten aus Marokko, Osteuropa und oder aus schwarzafrikanischen Ländern. Annähernd 100.000 Personen sind in Almerías Treibhäusern und Verpackungsfabriken beschäftigt - viele unter äußerst prekären Bedingungen.

„Kämpfe für deine Rechte“, steht auf Plakaten, welche die Landarbeiter-Gewerkschaft SAT-SOC an die Gewächshäuser klebt. Auf den Aushängen werden die gesetzlichen Mindesttarife für die Tagelöhner aufgelistet, die im Schnitt - je nach Beschäftigung - bei drei bis sieben Euro - pro Stunde liegen.

Die Praxis sieht freilich oftmals anders aus. Zum Beispiel im Erdbeeranbau in der andalusischen Region Huelva: „Die spanischen Erntehelfer bekommen 35 Euro pro Tag, acht weniger als im Tarifvertrag vorgeschrieben“, berichtet ein Pflücker, der aus Angst vor Repressalien lieber anonym bleiben will, über den Normalfall in seinem Anbaubetrieb. „Noch schlechter sind die ausländischen Helfer dran, die bekommen nur 25 Euro am Tag.“

„Die Arbeiter werden immer noch bestohlen“, empört sich die Gewerkschaft. Die häufigsten Unregelmäßigkeiten seien Lohndumping und Betrug bei den Sozialversicherungsabgaben. Die Behörden schauten dabei oftmals weg. In den Büros der SAT-SOC stapeln sich die Anzeigen wegen derartiger Probleme.

Die Not vieler Tagelöhner werde gnadenlos ausgenutzt, heißt es. Die Arbeitsbedingungen grenzten zuweilen an „moderner Sklaverei“. Wer sich über derartige Hungerlöhne für die Knochenarbeit beschwere, stehe am nächsten Tag auf der Straße. Genauso wie jene, die es etwa beim Erdbeerernten nicht schafften, 200 Kilo am Tag zu pflücken. Diese Form der Ausbeutung mache Spaniens Anbau in Europa wettbewerbsfähig.

Bei derartigen Machenschaften haben die Plantagenbesitzer leichtes Spiel: Im Spanien der Massenarbeitslosigkeit stehen die Jobsuchenden Schlange. Zur Erntezeit ziehen viele tausend Wanderarbeiter durch Andalusien und hoffen auf ihr Glück.

Besonders übel werde den afrikanischen Immigranten mitgespielt, die mancherorts in Elendsgettos zwischen den Plantagen hausen – oftmals ohne Wasser, Strom und Toilette. Und ohne Rechte. Rund 2500 ausländische Erntehelfer, berichtete die Caritas, leben allein in der Erdbeerprovinz Huelva in Karton- und Plastikbehausungen.

Sie lassen sich lieber ausbeuten und akzeptieren Hungerlöhne, bevor sie gar keinen Job finden. Die Existenzangst hält die meisten davon ab, Anzeige zu erstatten.

Es ist daher eher die Ausnahme, dass die Polizei oder die Aufsichtsbehörden einschreiten. Wie in Andalusiens Nachbarregion Murcia, wo die Beamten neun Arbeitsvermittler und Bauern festnahmen, welche Immigranten unter skandalösen Bedingungen beschäftigt hatten. Die Situation auf den inspizierten Plantagen, hieß es im Polizeibericht, „kam der Sklaverei nahe“. Ralph Schulze

STICHWORT: EUROPAS GEMÜSEGARTEN

Andalusiens Landwirte, die wichtigsten Obst- und Gemüselieferanten der EU, verkaufen jedes Jahr Produkte im Wert von mehr als vier Milliarden Euro ins Ausland. Zu ihren Exportschlagern gehören neben Gurken, Paprika und Tomaten auch Erdbeeren, Melonen, Orangen und Zucchini; zudem werden Oliven und Wein angebaut. Hunderttausende Menschen leben von der Feldwirtschaft in der südspanischen Region Andalusien, die zu Europas Armenhäusern gehört und mit rund 30 Prozent die höchste Arbeitslosenquote der EU hat. ze

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