Tankerunglück Spanien: Freispruch im Prozess um Prestige-Unfall - Öl-Katastrophe ohne Schuldige

Prestige Urteil

Protest gegen Urteil: Es gibt keine Schuldigen, auch die Regierung wäscht ihre Hände in Unschuld. 

SPANIEN LIVE - 13.11.2013 - Vor dem Gerichtspalast demonstrierten Umweltschützer. „Schluss mit der Straflosigkeit“, prangte auf einem ihrer Plakate. Doch ihr Appell blieb ungehört. Das Landgericht in der nordwestspanischen Stadt La Coruña zog am 13. November 2013 einen überraschenden Schlussstrich unter die größte Tankerkatastrophe Spaniens: Alle drei Angeklagten wurden von jeglicher Schuld an diesem verheerenden Unglück freigesprochen. Das Urteil war genau elf Jahre nach der Havarie des griechischen Schrott-Tankers „Prestige“ vor der spanischen Atlantikküste verkündet worden.

Unabhängig von der Schuldfrage wurde der inzwischen 78-jährige Kapitän des Unglückstankers wegen „schweren Ungehorsams“ zu einer Bewährungsstrafe von neun Monaten verurteilt. Der Grieche Apostolos Mangouras, der am 13. November 2002 auf der Brücke das Kommando führte, hatte es abgelehnt, sein etwa 50 Kilometer vor der Küste leckgeschlagenes Schiff weiter auf hohe See schleppen zu lassen. Mangouras wollte lieber in Küstennähe oder sogar in einem Hafen Schutz suchen. Es herrschte stürmische See und der Kapitän befürchtete, dass sein mit 77.000 Tonnen Schweröl beladenes Schiff in den immer wilderen Wellentälern auseinanderbrechen könnte.

Spaniens Regierung ließ den havarierten Tanker von der Küste wegschleppen und ins offene Meer ziehen - Dort brach das Schiff in den Wellentälern auseinander

Spaniens konservative Regierung ordnete damals trotzdem an, die „Prestige“ möglichst weit weg von Spaniens Küste zu bugsieren. Rund 250 Kilometer von Spaniens Stränden entfernt brach das altersschwache Tankschiff dann sechs Tage später tatsächlich auseinander und sank am 19. November 2013. Etwa 63.000 Tonnen der giftigen Ladung ergoss sich ins Meer, trieb Richtung Land und verseuchte später annähernd 3000 Kilometer Atlantikküste von Portugal über Spanien bis nach Frankreich.

Der Gerichtsprozess, der schon vor gut einem Jahr begonnen hatte, ließ die meisten Fragen dieser Umweltkatastrophe unbeantwortet. Allen voran die Frage nach der Schuld. Der Gerichtsvorsitzende Juan Luis Pía sagte, man habe die genaue Unfallursache nicht herausgefunden. Deswegen könne man nicht über die  „strafrechtliche Verantwortung“ urteilen. Man ahne nur, dass der damals 26 Jahre alte Einhüllen-Tanker wohl in „mangelhaftem Zustand“ gewesen sei, auch wenn in den Schiffspapieren die völlige Sicherheit bescheinigt worden sei.

Undurchsichtiges Tankergeschäft: Schiff hatte griechische Reeder, liberianische Besitzer, fuhr für russischen Rohstoffkonzern und mit Bahamas-Flagge

Auf der Anklagebank saßen nur drei Personen: Kapitän Mangouras, sein Chefmaschinist und der damalige Leiter der spanischen Seefahrtsbehörde. Das übliche undurchsichtige Beziehungsgeflecht im Tankergeschäft machte es offenbar schwierig, weitere mutmaßliche Verantwortliche zu orten. Die „Prestige“ fuhr unter einem griechischen Reeder, hatte liberianische Eigentümer, war von einem russischen Rohstoffkonzern mit Sitz in der Schweiz gechartert worden und im Billigflaggenland Bahamas registriert.

Auch Spaniens konservative Regierung, der damals von unabhängigen Experten „große Irrtümer“ vorgeworfen worden waren, wusch später ihre Hände in Unschuld. Der damalige an die Ölfront geschickte politische „Krisenmanager“ Mariano Rajoy amtiert heute als Spaniens Ministerpräsident. In einem Ermittlungsbericht war der Regierung angelastet worden, dass sie den havarierten Tanker auf „selbstmörderischen Kurs“ geschleppt habe. Auch das Europäische Parlament befand: „Diese Entscheidung war der Grund, dass sich die Verseuchung auf eine sehr große geografische Zone ausweitete.“

Mangels Schuldspruch muss vermutlich der Staat den Milliardenschaden alleine bezahlen – Schadenersatz für Fischer und Küstendörfer in weiter Ferne

Mangels klar identifizierter Schuldigen im Prestige-Prozess werden Spanien, aber auch Portugal und Frankreich, den größten Teil der Ausgaben für Küsten- und Meeresreinigung selbst bezahlen müssen. Auch mit Schadenersatz können die betroffenen Küstengemeinden, die Fischerei-Industrie und Privatbürger nun kaum noch rechnen. Nur ein Bruchteil der auf rund 4,3 Milliarden Euro geschätzten Schadenssumme ist theoretisch durch Versicherungen gedeckt. Unklar ist aber, ob die Versicherungen überhaupt in Anspruch genommen werden können, da ja niemand wegen des Unfalles schuldig gesprochen wurde.

Die schwarze Flut vor der Atlantikküste hatte sich zu einer der schlimmsten Umweltkatastrophen Europas entwickelt. Laut Gerichtsbilanz wurden insgesamt 2980 Kilometer Küste von der Ölpest verseucht, bis zu 230.000 Seevögel verendeten. Tausende Fischer, Freiwillige und auch die Armee kämpften monatelang mit Eimern, Schaufeln, Bratpfannen und Netzen gegen die Ölflut.

Derweil sind die Folgen der Katastrophe immer noch nicht restlos verdaut: Im Wrack der „Prestige“ und auf dem Meeresboden befinden sich immer noch tonnenweise Schweröl. Und die Fischer klagen, dass sie heute weniger in ihren Netzen haben als vor der Katastrophe. Ralph Schulze

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