„Prestige“-Umweltkatastrophe: Tanker verursachte Ölpest vor Spanien - Nach 10 Jahren startet Prozess

Prestige

Untergang: Nach sechs Tagen Todeskampf versankt der Öl-Tanker im Atlantik. (Bild: ecologistas en accion)   

SPANIEN LIVE - 18.10.2012 - Die schwarze Flut vor der Atlantikküste Spaniens war eine der schlimmsten Umweltkatastrophen Europas. Annähernd 3000 Kilometer Küste wurden von der Ölpest verseucht, mindestens 250.000 Seevögel verendeten. Ziemlich genau zehn Jahre, nachdem der griechische Schrott-Tanker „Prestige“ auseinanderbrach und tonnenweise Schweröl ins Meer spuckte, begann Mitte Oktober 2012 das juristische Nachspiel dieses Umweltdramas. Vor dem Gericht in der nordspanischen Stadt La Coruna geht es darum, wer die Schuld an dem Desaster trägt. Und wer den Schaden in Höhe von mehr als vier Milliarden Euro bezahlen muss.

Das Drama begann am 13. November 2002, als die altersschwache „Prestige“ SOS funkte. Der 26 Jahre alte Supertanker mit 77.000 Tonnen Schweröl an Bord war rund 50 Kilometer vor der felsigen Küste der Atlantikregion Galicien, der „Küste des Todes“, bei schwerem Wetter leckgeschlagen. Durch einen Riss im Einfachrumpf begann Öl auszuströmen. Spaniens damalige konservative Regierung ordnete an, den havarierten Tanker aufs offene Meer zu schleppen. „Um eine Katastrophe an der Küste zu vermeiden.“

 EU-Untersuchungsbericht: Fehlentscheidungen der spanischen Regierung verschlimmerten die Ölpest – Tanker wurde aufs offene Meer geschleppt

Das Ende kam sechs Tage später, am 19. November, rund 250 Kilometer vor der Küste. Die „Prestige“ brach auseinander, sank auf 3500 Meter Tiefe, fast die ganze Ölladung lief aus. Dies provozierte eine gigantische Verseuchung des Meeresbodens und kontaminierte die Atlantikküste von Nordportugal, Spanien und Südfrankreich. Tausende Fischer und Freiwillige kämpften mit Eimern, Schaufeln, Bratpfannen und Netzen gegen die Ölflut, während die Regierung zunächst hilflos zusah und die Katastrophe kleinredete: „Es gibt keine Ölpest.“

In einem Untersuchungsbericht machte das Europäische Parlament später den Abschleppbefehl der spanischen Regierung verantwortlich für das Ausmaß der Umwelttragödie: „Diese Entscheidung war der Grund, dass sich die Verseuchung auf eine sehr große geographische Zone ausweitete.“ Die Regierung schob die Schuld derweil auf den inzwischen 77-jährigen griechischen Kapitän Apostolos Mangouras, weil dieser angeblich Sicherheitsrisiken des Tankers ignoriert habe. Ihm wird zusammen mit zwei Schiffsoffizieren der Prozess gemacht.

 Auch der damalige Chef der spanischen Seefahrtsbehörden muss sich wegen eklatanter „Fehlentscheidungen“ bei der Krisenbewältigung verantworten. Seine obersten Befehlsgeber, zu denen Ex-Verkehrsminister Francisco Alvarez Cascos sowie der damalige „Krisenmanager“ und heutige Ministerpräsident Mariano Rajoy gehören, sind nicht beschuldigt worden. Dabei hatten die Ermittler „große Irrtümer“ beim Krisenmanagement beklagt: Die Regierung habe den havarierten Tanker auf „selbstmörderischen Kurs“ schleppen lassen, heißt es in einem Ermittlungsbericht.

 Die Folgen der Katastrophe sind noch nicht verdaut: Weniger Fische und Gesundheitsprobleme bei Helfern - Angst vor neuem Tankerunfall

Die Untersuchung wurde durch das undurchsichtige Netz der Verantwortlichen hinter dem Unfalltanker erschwert: Die „Prestige“ gehörte einer Firma in Liberia, fuhr für eine griechische Reederei, aber unter Flagge der Bahamas.

Die Richter müssen sich durch 230.000 Aktenseiten wühlen. Es werden rund 140 Zeugen gehört, 70 Anwälte vertreten Angeklagte und Nebenkläger, zu denen auch Fischer und Küstendörfer gehören. Es wird im Prozess zudem um finanzielle Entschädigungen gehen. Darum, wer den langen Kampf gegen die Ölflut, wer die Säuberung der Küsten bezahlen soll. Frühestens in knapp einem Jahr, vielleicht im September 2013, wird ein Urteil erwartet.

Derweil sind die Folgen der Katastrophe immer noch nicht verdaut: Im Wrack der „Prestige“ und auf dem Meeresboden soll immer noch tonnenweise Schweröl schlummern. Die Fischer haben den schwarzen Albtraum vor ihrer Küste nicht vergessen und klagen, dass sie heute weniger fangen als vor der Katastrophe. Helfer, die damals den Giftschlamm von den Felsen kratzen, klagen über Atembeschwerden. Und Umweltschützer warnen, dass sich die Katastrophe vor der Küste, an der jedes Jahr 14.000 Tank- und Chemieschiffe vorbeifahren, „jederzeit wiederholen kann“. Ralph Schulze

 

RÜCKBLICK: DIE FISCHER, DAS ÖL UND DAS MEER - „ZUM TOD VERURTEILT“

So berichtete Spanien-Korrespondent Ralph Schulze vor zehn Jahren über das Drama:

Die Katastrophe hat einen Namen: „Muerte - Tod“ hat jemand in metergroßen Lettern ins stinkende Schwarz geschrieben. Eine zentimeterdicke, zähe Schwerölschicht, die so weit man schaut die „Playa de Traba“ bedeckt. Gleich linker Hand des kleinen galicischen Fischerdorfes Laxe, das unter dem wolkenverhangenem Himmel noch melancholischer, noch grauer wirkt.

Vor dem Schiffbruch des Schrott-Tankers „Prestige“ ein Traumstrand. Mit Schilf, Dünen und Lagunen. Jetzt eine verseuchte, verkrüppelte Öllandschaft. An deren Ufer tote Seevögel, Fische, auch Delfine treiben. „Muerte“ - kein Zweifel.

Die Ölkatastrophe an der West- und Nordküste Spaniens, mit dem Epizentrum Galicien, ein tödlicher Schlag. Auch für die Handvoll Fischer, die von diesem Küstennest mit 3500 Einwohnern Tag für Tag in See stachen. Etwa um Sardinen zu fangen. Und Seezungen. Oder Steinbutt.

Doch seit das giftige Schweröl aus der „Prestige“ in ihre Fischgründe, ja, praktisch bis vor ihre Haustür schwappte, liegen ihre Kähne fest. „Wir können, wir dürfen nicht mehr rausfahren“, flucht in rauem Ton Antonio Tajes, Boss der örtlichen Fischervereinigung. Er zeigt von der Mole hinunter auf den kleinen Hafen. Galiciens Fischerflotte, einst die mächtigste der Welt, immer noch die viertgrößte Europas, und die wichtigste Spaniens liegt an der Kette.

Rote, blaue und grüne Kutter tanzen auf dem Wasser. Zerren an den Tauen. Die Netze warten, sorgfältig aufgehäuft, an Deck. Fast eine Idylle. Wenn das Dorf Laxe nicht Zentrum jenes Katastrophengebietes wäre, das von der wohl schlimmsten Ölpest der spanischen Geschichte, wahrscheinlich sogar ganz Europas, heimgesucht wird.

„Die schwarze Flut“, klagt Antonio, „hat die ganze Küstenzone ruiniert“: Auf einer Länge von inzwischen annähernd 2000 Kilometern zwischen Portugal und Frankreich - und täglich werden es mehr. Von den Weiten des Atlantiks, der keine Grenzen kennt, ganz zu schweigen. „Alles ist verloren.“ Rund 30.000 Fischer und Muschelzüchter Galiciens wurden über Nacht joblos, weitere werden folgen. Ganz Galicien, wo 2,7 Millionen Menschen wohnen, lebt vom Meer.

Die Katastrophe, die sich am 13. November mit einem Leck im Rumpf des Supertankers „Prestige“ ankündigte, scheint gerade erst zu beginnen. Riesige Ölwellen landeten links und rechts von Laxe. Jenem Fischerdorf, das ziemlich genau in der Mitte jener Küstenlinie liegt, die wegen ihrer gefährlichen Felsklippen schon vor der Ölpest „Costa de la Muerte“, Todesküste, hieß.

Noch gigantischere Ölfluten könnten kommen. Das Wrack der „Prestige“, die am 19. November nach sechstägigem Todeskampf vor Galiciens Küste auseinanderbrach,  spuckt auch in 3500 Meter Tiefe weiter Unmengen Giftöl. Eine ökologische Zeitbombe, die niemand entschärfen kann. Nicht einmal Spaniens konservative Regierung, die vor allem im Kleinreden dieses Umweltdramas ganz groß ist: „Es gibt keine Ölpest.“

Wild flackert die Beleuchtung am Eingang des Fischerheimes von Laxe, gleich unten am kleinen Hafen. Drinnen sitzen die Männer, die nicht mehr fischen dürfen, reden wenig und spielen Karten. Beginnen schon den frühen Morgen mit einem Magenbitter. Draußen steht Antonio, starrt aufs Meer: „Wenn das Öl auch noch den Meeresgrund verseucht, ist unsere Zukunft für lange, lange Zeit zerstört.“

Schon am Strand ist der Kampf gegen das Öl schwierig, fast aussichtslos. Auch wenn nun 10.000 Freiwillige, wie ein Ameisenheer, an der Küste schuftet. Den asphaltartigen Ausfluss mit Harken und bloßen Händen vom Strand, den Dünen, dem Gras, den Felsen abkratzt  Aber tief unten im Meer? Da kann nicht einmal der liebe Gott etwas machen, dem Antonio täglich Kerzen und Stoßgebeten entgegenbringt. Gleich hinterm Hafen, in der uralten Dorfkirche, in der schon vielen Seemännern die Todesmesse gelesen wurde.

Antonios Angst ist begründet: Die Ölseen, die oben schwimmen, scheinen nur die Vorboten dessen, was Galicien, Spanien und Europa droht: Eine schleichende, unsichtbare Verseuchung der Tiefen des Atlantiks. Auch in Laxe hört man die Hiobsbotschaften der Hochseefischer aus der nördlich liegenden Stadt La Coruna. Die ihre Netze meilenweit von der Küste und der Katastrophenzone entfernt durchs Meer zogen. In 500 Meter Tiefe. Und nichts fingen außer Ölklumpen.

Die Fischer sehen schwarz. „Erst stirbt das Plankton“, fasst einer von Antonios Männern die trostlose Lage zusammen, zieht sein Wollmütze tiefer ins Gesicht, „dann fliehen die Fische.“ Und dann? „Dann sterben wir an Hunger.“ Ja, ja, natürlich habe die Regierung Geld versprochen. 40 Euro pro Tag und Kopf. „Almosen“, seien das. Aber für wie lange? Sein Nachbar knurrt: „Wir sind zum Tod verurteilt.“ Untergangsstimmung. Nicht nur in Laxe. Sondern in hunderten Dörfern zwischen den großen Fischereihäfen Vigo, im Süden Galiciens und La Coruna, im Norden.

Die Touristen, die im nächsten Sommer nach Laxe kommen, können sich dann vielleicht wieder an strahlend weißen Playas sonnen. Doch Fischer und Muschelzüchter werden dann vermutlich immer noch Däumchen drehen müssen. Die Meeresfauna braucht wenigstens drei Jahre, um sich von dieser breitflächigen Ölattacke zu erholen, warnen Wissenschaftler. Oder fünf Jahre. Oder zehn. Niemand weiß es genau. Nur Spaniens Regierung verkündete forsch: „In zwei Wochen können die Fischer wieder ihre Netze auswerfen.“

„Schluss mit dem Betrug“, steht auf einem Flugblatt am Fischerlokal von Laxe. Und über der Bartheke verkündet ein Blatt die geballte Meinung der Dorfgemeinde über das, was die Regierung „schnelle und umfassende Hilfe“ für die Opfer dieser „schwarzen Flut“ nennt: „Schwarze Verarschung.“ Der Zorn der Fischer ist groß. Es herrscht Rebellionsstimmung. Und deswegen traut sich Spaniens konservativer Regierungschef Jose Maria Aznar bis heute nicht an die brodelnde Katastrophenfront, an der seine Parteifreunde mit Buhrufen und fliegendem Ölschlamm begrüßt werden.

Warum? Weil die Fischer sich verkauft und verlassen fühlen. Sie klagen über Chaos, Gleichgültigkeit und Unfähigkeit bei den Behörden. Das sieht nicht einmal das Dorfoberhaupt von Laxe, Bürgermeister Anton Carracero, anders. Er hatte, als die ersten Ölwellen immer näher kamen, von der Regierungseinsatzzentrale flehentlich Schutzbarrieren gefordert. Dort antwortete man ihm: „Die sind schon installiert.“ Der Rathauschef guckte aus dem Fenster aufs Meer und schrie in den Hörer: „Wollt Ihr mich auf den Arm nehmen? Von Barrieren keine Spur.“

Aber die Männer, die im täglichen Kampf mit dem Meer ziemlich hart, etwas rau, aber auch herzlich wurden, haben in der Not ihren Galgenhumor nicht verloren. „Meeresfrüchte ohne Öl“, prangt mit weißer Kreide gekrakelt auf der Tafel über der Theke der Hafenspelunke in Laxe, die auf den sinnigen Namen „Salvavidas“ (Rettungsring) getauft wurde. Und der Kellner fragt den Fremden freundlich: „Möchten sie den Fisch mit Diesel oder Super?“

Draußen zieht gerade ein kleiner Protestzug durchs Dorf: „Öltransporte weg von der Todesküste“, rufen die Fischer, die mitsamt Frauen und Kindern am Hafen entlang marschieren. Und: „Nie wieder.“ Wohl ein frommer Wunsch. Und Anspielung darauf, dass niemand aus der Vergangenheit lernen wollte: Der griechische Schrotttanker „Prestige“ war der Ölriese Nummer fünf, der innerhalb der letzten 30 Jahre vor der Felsküste Galiciens auseinanderbrach. Aber noch nie waren die Folgen so schlimm wie heute.

„Sie werden uns auslöschen“, ruft einer von ihnen mit dem Namen Serafin in die aufgebrachte Menge. „Wie die Möwen und die Kormorane.“ Wenigstens 100.000 Seevögel, die vor der ölverseuchten Küste Galiciens überwintern, werden sterben, lauten die düsteren Vorhersagen. Sogar Wale und Schildkröten, die in diesem Meeresparadies bisher noch lebten, verenden. „Wir leben vom Meer. Aber das Meer ist nun tot.“

Eine Vision, die Serafin inzwischen schlaflose Nächte bereitet. Schweißgebadet wacht er auf, mit immer wieder demselben apokalyptischen Bild vor Augen: Sein Meer, seine Küste, sein Boot, sein Häuschen - alles schwarz. Von klebrigem, stinkendem, alles überziehenden Öl verschlungen. Wie von einem Ungeheuer. Ein Albtraum, der keiner mehr ist... Ralph Schulze

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