BABYRAUB IN SPANIENS FRANCO-DIKTATUR – Schwierige Suche nach der Wahrheit

Spanien Geraubte Kinder in der Franco DiktaturBabyraub in Spanien: Die Betroffenen warten immer noch auf Gerechtigkeit: Hunderte Menschen suchen in Spanien nach ihren wahren Eltern. Oder auch nach ihren Kindern, die ihnen während der Franco-Diktatur geraubt worden sein sollen. (Bild: Privat)

SPANIEN LIVE Fakten – 01.07.2019 – Die gestohlenen Kinder der Franco-Diktatur: Es geht um ein dunkles Kapitel der 1975 in Spanien untergegangenen Franco-Diktatur. Tausende Babys sollen damals ihren Müttern weggenommen und mit gefälschten Geburtsurkunden regimetreuen Familien übergeben worden sein. Den vorliegenden Erkenntnissen zufolge wurden die Babys zuweilen sogar verkauft. Die Opfer dieses mutmaßlichen Kinderhandels waren meist Oppositionelle, mittellose Frauen und Minderjährige, denen im Krankenhaus mitgeteilt wurde, dass ihr Baby bei der Geburt gestorben sei. Eine kriminelle Praxis, bei der offenbar Ärzte, Hebammen, Nonnen und Geistliche mitmachten. Hinzu kamen Adoptionen, bei denen junge alleinstehende Mütter gedrängt wurden, ihren Nachwuchs "freiwillig" wegzugeben.

Auch in den ersten Jahren der spanischen Demokratie, die 1975 mit dem Tod des Rechtsdiktators Francisco Franco in Spanien einzog, sollen diese Machenschaften zunächst noch weitergegangen sein. Als Beleg dafür gilt unter anderem der Fall der Spanierin Marisa Torres, die im Jahr 2012, rund 30 Jahre nach der Geburt ihres Kindes, ihre Tochter Pilar wieder in die Arme schließen konnte. Die Mutter hatte damals vor Gericht berichtet, dass ihr 1982 in einer Klinik in der spanischen Hauptstadt Madrid das Neugeborene weggenommen worden sei. Nach einer öffentlichen Suchaktion über einen TV-Sender hatte sie Jahrzehnte später ihre verloren geglaubte Tochter wiederentdeckt.

Inzwischen haben sich in ganz Spanien mutmaßliche Opfer dieser Babyentführungen zusammengeschlossen, um gemeinsam nach der Wahrheit zu suchen. Hunderte Anzeigen liegen der Justiz vor.  Von Menschen, die glauben, dass sie nach der Geburt einer fremden Familie übergeben worden seien. Oder auch von Müttern, die davon ausgehen, dass ihnen ihr Neugeborenes vor Jahrzehnten entwendet worden ist.

Doch die Suche nach dem, was vor vielen Jahren wirklich geschah, ist sehr schwierig. Opferorganisationen sprechen zwar von insgesamt bis zu 300.000 Fällen geraubter Babys währen der Franco-Diktatur und den ersten Jahren der nachfolgenden jungen Demokratie. Doch Belege für diese Zahlen gibt es nicht. Auch die Ermittlungen der Justiz kommen nicht voran: Viele Verfahren werden aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Ein großes Hindernis ist meist, dass viele mutmaßliche Tatbeteiligte inzwischen verstorben sind. Auch sind meist die alten Krankenhausakten, in denen es Hinweise auf leibliche Eltern und mutmaßliche Täter geben könnte, nicht mehr vorhanden.

Nicht in allen Fällen handelte es sich aber um einen Babyraub, sondern es gab auch mehr oder weniger freiwillige Adoptionen. Inzwischen weiß man, dass junge Mütter von Nonnen, Priestern, Ärzten oder auch ihren eigenen Eltern zuweilen gedrängt oder sogar genötigt wurden, ihre Kinder zur Adoption freizugeben. Vor allem bei minderjährigen oder alleinstehenden Müttern führt im damaligen Franco-Spanien der ultrakatholischen Wertvorstellungen der sehr große soziale Druck dazu, dass die Babys oftmals mehr oder weniger freiwillig in Adoption gegeben wurden.

Die Spanierin Inés Madrigal ist vermutlich einer dieser freiwilligen Adoptionsfälle. Sie dachte ursprünglich, dass auch sie als Baby ihrer Mutter entwendet und dann einer fremden Familie übergeben worden war. Inzwischen entdeckte Madrigal, dass ihr Verdacht nicht ganz richtig war. Über eine Gendatenbank fand sie ihre vier jüngeren Geschwister wieder. Und diese berichteten ihr, dass die kleine Inés im Jahr 1969 von ihrer eigenen Mutter zur Adoption freigegeben worden war, weil sich die junge Mutter damals noch nicht in einer festen Beziehung befand.

Junge Mütter, die ungewollt schwanger waren, wurden in der Franco-Zeit schnell als „gefallene“ oder „irregeleitete“ Mädchen abgestempelt. Nicht nur seitens der katholischen Kirche, Schulen und anderer franquistischen Erziehungseinrichtungen. Sondern nicht selten, wie Betroffene berichteten, sogar von Vater und Mutter, welche ihre Töchter, die ungewollt schwanger wurden, zur Adoption überredeten.

Eine besonders unselige Rolle spielten bei diesen fragwürdigen oder irregulären Adoptionen jene franquistischen Erziehungsanstalten, die dem Patronato de Protección a la Mujer (Verband zum Schutz der Frauen) unterstanden. In diesen „Besserungsanstalten“, meist von Nonnen geführt, wurden tausende junge Frauen festgehalten, die vom franquistischen System als gestrauchelt oder asozial eingestuft wurden. Diese Anstalten, die auch noch einige Jahre nach Ende der Franco-Zeit bis in die 80er Jahre hinein existierten, werden mit illegalen Adoptionen, dem Raub von Neugeborenen und Babyhandel in Verbindung gebracht.

Berüchtigt war ein geschlossenes Frauenheim in Madrid mit dem Namen Nuestra Señora de la Almudena de Peña Grande. Das Heim wurde erst 1984, also neun Jahre nach Ende der Franco-Diktatur, geschlossen. Allein in dieser von Nonnen verwalteten Anstalt, die von Betroffenen als Frauengefängnis beschrieben wurde, sollen im Laufe der Jahre tausende Frauen untergebracht und ihren Nachwuchs entbunden haben. Eine detallierte Untersuchung der Zustände und mutmaßlichen kriminellen Praktiken in diesen franquistischen Erziehungsheimen steht bis heute aus. red

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