Stiertreiben 2015

Stiertreiben in Spanien: Das Risiko, verletzt oder getötet zu werden, gehört dazu. In vielen spanischen Dörfern ist dieser fragwürdige Nervenkitzel Teil des Stadtfestes. (Bild: Archiv)

SPANIEN LIVE - 15.07.2015 - Nach dem Ende der umstrittenen Stiertreiben von Pamplona hat das Rote Kreuz eine blutige Bilanz gezogen: In den acht Bullenhatzen, die in den vergangenen Tagen in der nordspanischen Stadt stattfanden, wurden über 500 Menschen verletzt. Zehn der Läufer, die mit den Stieren durch die engen Gassen rannten, wurden aufgespießt - überlebten aber. Die meisten Verletzten erlitten blaue Flecken, Knochenbrüche oder Prellungen, weil sie bei der Bullenjagd stürzten oder niedergetrampelt wurden.

Zugleich wurde ein Todesfall bei einem anderen Stierspektakel im Costa-Blanca-Ort Pedreguer bekannt. Dort wurde ein französischer Tourist von einem Bullen getötet. Der Franzose hatte versucht, Fotos von den Stieren zu machen, die in einer abgesperrten Gasse freigelassen wurden. Diese Variante der Stiershow ist in der Costa-Blanca-Region Valencia beliebt und heißt dort „Bous al carrer“ (Stiere auf der Straße). Wer will, kann sich dabei als Torero versuchen. Derartige Stier-Veranstaltungen gehören in tausenden spanischen Orten zum Stadtfest – und jedes Jahr gibt es mehrere Tote.

Doch die achttägige Stadtfiesta von Pamplona ist das berühmteste dieser Stierfeste Spaniens. Höhepunkt sind die Stiertreiben, bei denen jeden Morgen sechs weiß-braune Leitstiere und sechs schwarze Kampfbullen über eine 850 Meter lange abgesperrte Strecke zusammen mit tausenden Menschen durch die Altstadt bis zur Arena rennen. Auf dem Kampfplatz werden die Stiere am Abend von Toreros getötet.

Weil der US-amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway Pamplonas Stierfest in seinem 1926 veröffentlichten Roman „Fiesta“ verewigte, kommen besonders viele Touristen aus dem englischsprachigen Raum in die Stadt. Mehr als die Hälfte der an Pamplonas Stiertreiben teilnehmenden Läufer sind mittlerweile ausländische Stierkampf-Touristen.

Zu einem Sicherheitsrisiko werden auch in Pamplona zunehmend jene Zeitgenossen, die versuchen, bei der Jagd durch die Gassen auch noch Selfies von sich und den Stieren zu machen. Obwohl dies streng verboten ist, schossen auch dieses Jahr wieder etliche Läufer mit ihrem Handy ein Foto vor den Hörnern der heranrasenden Bullen. Wer bei derlei Kamikaze-Aktionen erwischt wird, muss bis zu 3000 Euro Strafe bezahlen.

Kurios ist, dass dieses blutige Stierspektakel in Pamplona von einer privaten Stiftung für Altenhilfe organisiert wird. Das „Haus der Barmherzigkeit“, wie die gemeinnützige Organisation heißt, betreibt die größte Seniorenresidenz der Stadt. Ein Heim mit 574 Wohn- und Pflegeplätzen, mit denen vor allem armen und ausgegrenzten Senioren ein Dach über dem Kopf geboten wird. Und deren Finanzierung mit den Einnahmen der morgendlichen Stiertreiben und der abendlichen Kämpfe in der 20.000 Zuschauer fassenden Arena Pamplonas subventioniert wird. Das Stierfest spült jedes Jahr rund drei Millionen Euro in die Kasse der Altenhelfer.

Seit annähernd einem Jahrhundert bilden Barmherzigkeit und das, was viele Kritiker „Barbarei“ nennen, eine Allianz in Pamplona. Damals, in den 1920er Jahren, bot das Rathaus dieser „Stiftung der Barmherzigkeit“ an, die Stierkämpfe und -treiben in der Stadt zu organisieren und so eine Einnahmequelle für die Sozialarbeit zu erschließen. Seitdem laufen (und sterben) die Stiere von Pamplona also für den Betrieb eines Altenheims. Auch wenn der Protest von Tierschützern, die diese Stier-Veranstaltung eher als „Folterfest“ einordnen, immer lauter wird. Ralph Schulze

Pin It
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste.
Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.