Kathedralenbauer_Justo_Gallego

Ein Leben für ein Gotteshaus: Justo Gallego mauert seit 50 Jahren an seiner Kathedrale, die nahe der Hauptstadt Madrid in den Himmel wächst. (Bild: spanienlive.com)

SPANIEN LIVE - 25.12.2011 - Ein Mann, eine Kathedrale. Seit mehr als 50 Jahren baut Justo Gallego an seiner gigantischen Kirche. Alleine. Stein für Stein. Bei Wind und Wetter, Kälte und Hitze. „Ein Werk, das ich dem Herrn schenken will“, sagt der frühere Ordensbruder mit knarrender Stimme.

Eine rote Wollmütze auf dem Kopf, ein roter Schal um den Hals, ein alter blauer Mantel über den Schultern. „Ich habe nicht viel Zeit“, brummt der Alte. Mischt gerade Zement in einem Eimer an. „Mein Werk soll ja einmal fertig werden.“ Von Morgengrauen bis Sonnenuntergang schuftet Gallego auf seiner göttlichen Baustelle. Seit einem halben Jahrhundert jeden Tag – außer Sonntag.

Früher wurde der einsame Kathedralenbauer belächelt, heute wird er von vielen bewundert - Touristen und Baumeister aus aller Welt bestaunen sein Lebenswerk

Inzwischen ist der Tempel in den Himmel der Kleinstadt Mejorada del Campo gewachsen. Und auf gutem Weg, zu einem der berühmtesten Gotteshäuser Spaniens zu werden. „Das ist fantastisch“, freut sich der Mann, dem die Zeit tiefe Falten ins Gesicht gegraben hat. Durch ein rundes gelb-rotes Glasfenster scheint die Sonne herein, wirft ein magisches Licht auf Säulen, Bögen und Wände.

Anfangs belächelten die 22.000 Einwohner des Bauernortes den „verrückten Mönch“, der sein Gotteshaus auf einem geerbten Privatgrundstück errichtet, als „christlichen Spinner“. Heute respektieren die Menschen ihren eigenwilligen Baumeister. Der es mit seinem eisernen Willen und seinem unglaublichen Werk geschafft hat, aus ihrem verschlafenen Nest einen Wallfahrtsort zu machen.

Busse aus der nur 20 Kilometer entfernten Hauptstadt Madrid karren Touristen heran. Aus aller Welt kommen Architekten, Kunsthistoriker und Fernsehteams, um die „Kathedrale des Glaubens“ zu besuchen. Das New Yorker Museum of Modern Art widmete dem originellen Sakralbau, der die Dorfkirche schon lange überragt, sogar schon eine Foto-Ausstellung.

Ein Gotteshaus, das ohne Baupläne entsteht - Nachschub von der Müllkippe: Als Materialien dient alles, was andere nicht mehr gebrauchen können

Besucher sorgen mit Spenden dafür, dass Gallego sein Lebenswerk vorantreiben kann. Baufirmen laden überschüssige Materialien ab. Auch auf der Müllkippe findet der Mann Brauchbares. Ein amerikanischer Getränkekonzern zahlte sogar 30.000 Euro, um einen Werbespot in dem kreativen Kirchentempel zu drehen, welcher der spanischen Schutzheiligen Pilar gewidmet ist.

Ein Gotteshaus, das ohne Baupläne und professionelle Hilfe wächst. Dessen kuriose Formen nur der Inspiration von Justo Gallego und seiner himmlischen Eingebung folgen. „Die wahren Fundamente seines Tempels sind sein unverrückbarer Glauben“, heißt es in einer kleinen Dokumentation über die Riesenkirche.

„Ich bin weder Maurer noch Architekt“, krächzt Gallego, der auch beim Erzählen seiner unglaublichen Geschichte nicht still sitzen kann, sondern mit seinen schwieligen Händen Steine zu jener Mauer schleppt, die er gerade hochzieht. „Aber ich habe viele Bücher über Burgen und Kathedralen gelesen.“ Das muss reichen. Und bisher ist für den Herrn der Kathedrale alles gut gegangen.

Der Sohn einer Bauernfamilie verließ mit zehn Jahre die Schule, nachdem sein Vater gestorben war und die Pflicht rief: Justo musste seiner Mutter auf dem Hof und „beim Ackerbau helfen“. Mit 27 trat er ins Kloster ein und wurde Zisterziensermönch. „Schon als Junge fühlte ich einen tiefen christlichen Glauben.“

Die Zeit läuft dem alten Mann davon - Aber er will nicht aufgeben und bis zum letzten Atemzug an seinem Tempel arbeiten, den er dem Glauben widmet

Doch als der Ordensmann nach acht Jahren an Tuberkulose erkrankte, warfen ihn seine Brüder ziemlich unchristlich raus, „aus Angst sich anzustecken“. Das enttäuschte den Verstoßenen zutiefst. Nachdem er dem Tod wider Erwarten von der Schippe gesprungen und seine Lungenkrankheit geheilt war, beschließt er deshalb 1961, sein ganz persönliches Christenwerk anzugehen. „Ich wollte meinem Herrn einen Tempel bauen.“

Ein halbes Jahhundert später ist Gallegos Bau weit fortgeschritten: Gut 50 Meter lang, 20 Meter breit, das Kirchenschiff mit 22 Meter messender blauer Kuppel bis zu 36 Meter hoch. Zwei 58 Meter hohe Türme, die noch nicht vollendet sind, sollen seinen Traum einmal krönen. Und dieses Monument der selbstlosen Hingabe kilometerweit sichtbar machen.

Zehn bis 20 Jahre, könnte es vielleicht noch dauern, bis die eigenwillige Kirche, die von keinem Bischof, sondern von Justo Gallego persönlich zur Kathedrale erhoben wurde, wirklich vollendet ist. Doch das besorgt und stört den alten Mann überhaupt nicht.

 „Ich bin glücklich mit dem, was ich erreicht habe“, bekennt der alte Kirchenbauer, der am 20. September 1925 geboren wurde. Und er grinst wie ein Lausbub, der sich über einen erfolgreichen Streich freut. „Ich werde weitermachen, bis ans Ende meiner Tage.“ Ralph Schulze

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