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Spanien Geraubte Kinder in der Franco DiktaturWarten auf Gerechtigkeit: Hunderte Menschen suchen in Spanien nach ihren wahren Eltern. Oder auch nach ihren Kindern, die ihnen während der Franco-Diktatur geraubt worden sein sollen. (Bild: Privat)

SPANIEN LIVE – 09.10.2018 – Es geht um ein dunkles Kapitel der 1975 in Spanien untergegangenen Franco-Diktatur. Tausende Babys sollen damals ihren Müttern weggenommen und mit gefälschten Geburtsurkunden regimetreuen Familien übergeben worden sein. Den vorliegenden Erkenntnissen zufolge wurden die Babys zuweilen sogar verkauft. Die Opfer dieses Kinderhandels waren meist Oppositionelle oder mittellose Frauen, denen im Krankenhaus mitgeteilt wurde, dass ihr Baby bei der Geburt gestorben sei. Nun brachte ein Gerichtsurteil etwas Licht in diese kriminelle Praxis, bei der Ärzte, Hebammen, Nonnen und Geistliche mitmachten.

Das Madrider Landgericht sah es als erwiesen an, dass die heute 49-jährige Spanierin Inés Madrigal im Jahr 1969 im Krankenhaus nach der Geburt ihrer Mutter entwendet und einer anderen Familie übergeben wurde. Trotzdem verzichtete das Gericht auf eine Verurteilung jenes Frauenarztes und früheren Klinikchefs, der für diesen Babyraub in einem Madrider Hospital verantwortlich gewesen sein soll.

Die Tatbeteiligung des inzwischen 85 Jahre alten Mediziners namens Eduardo V. stehe zwar fest, meinte das Gericht, die Ereignisse seien jedoch verjährt. Deswegen wurde der Angeklagte freigesprochen. Der Staatsanwalt hatte dies anders gesehen und elf Jahre Haft gefordert. Eduardo V., der im Rollstuhl an seinem Prozess teilnahm, hatte vor Gericht die Vorwürfe bestritten.

Inés Madrigal, die mit 18 Jahren herausgefunden hatte, dass sie nicht bei ihrer leiblichen Mutter aufgewachsen war, aber erst im Jahr 2010 Anzeige erstattete, sieht das Urteil trotzdem als „großen Schritt“ bei der Aufarbeitung dieser Untaten an: „Es ist das erste Urteil zum Fall der geraubten Babys“, sagte die Frau, die sich als Vorreiterin für tausende weitere mutmaßliche Opfer sieht. „Es wird nun klar festgestellt, dass ich meiner Mutter entrissen worden bin.“ Sie teile aber nicht die Auffassung der Richter, dass die Tat verjährt sei. Deswegen werde sie vor Spaniens Oberstem Gerichtshof Berufung einlegen.

Es gehe ihr nicht darum, den Arzt Eduardo V. hinter Gitter zu bringen, sagte Madrigal. Sie wolle vielmehr, dass die Aufklärung ihres Falles helfe, anderen Opfern Gerechtigkeit zu verschaffen. Der frühere spanische Untersuchungsrichter Baltasar Garzón schätzte, dass während der Franco-Zeit mindestens 30.000 Babys ihren Müttern weggenommen worden sind.

Auch in den ersten Jahren der spanischen Demokratie, die 1975 mit dem Tod des Rechtsdiktators Francisco Franco in Spanien einzog, sollen diese kriminellen Machenschaften zunächst noch weitergegangen sein. Als Beleg dafür gilt unter anderem der Fall der Spanierin Marisa Torres, die im Jahr 2012, rund 30 Jahre nach der Geburt ihres Kindes, ihre Tochter Pilar wieder in die Arme schließen konnte. Die Mutter hatte damals vor Gericht berichtet, dass ihr 1982 in einer Klinik in der spanischen Hauptstadt Madrid das Neugeborene weggenommen worden sei. Nach einer öffentlichen Suchaktion über einen TV-Sender hatte sie Jahrzehnte später ihre verloren geglaubte Tochter wiederentdeckt.

Inzwischen haben sich in ganz Spanien mutmaßliche Opfer dieser Babyentführungen zusammengeschlossen, um gemeinsam nach der Wahrheit zu suchen. Hunderte Anzeigen liegen der Justiz vor. Etwa von Menschen wie Inés Madrigal, die glauben, dass auch sie nach der Geburt einer fremden Familie übergeben worden seien. Oder auch von Müttern, die davon ausgehen, dass ihnen ihr Neugeborenes vor Jahrzehnten entwendet worden ist. Bei der Aufklärung geht es den meisten Betroffenen nicht um Rache, erläutert Madrigal, sondern schlicht darum, die Wahrheit zu erfahren.

Doch die Suche nach dem, was vor vielen Jahren wirklich geschah, dürfte schwierig sein. Opferorganisationen sprechen zwar von insgesamt bis zu 300.000 Fällen geraubter Babys währen der Franco-Diktatur und den ersten Jahren der nachfolgenden jungen Demokratie. Doch Belege für diese Zahlen gibt es nicht. Auch die Ermittlungen der Justiz sind schwierig: Viele Verfahren werden aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Ein großes Hindernis ist meist, dass die alten Krankenhausakten, in denen es Hinweise auf leibliche Eltern und mutmaßliche Täter geben könnte, nicht mehr vorhanden sind. Ein Polizist, der den im Falle von Inés Madrigal beschuldigten Frauenarzt vor dem Prozess verhörte, erklärte vor Gericht: „Der Arzt sagte mir, dass er damals die Geburtsregister des Krankenhauses verbrannt hat.“ Ralph Schulze

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