Isabel Pantoja

Isabel Pantojas Absturz bewegt Spanien: Ihr Verurteilung wegen Geldwäsche und ihr Gang ins Gefängnis begleitete die spanische Regenbogenpresse auf den Titelseiten.

SPANIEN LIVE - 01.12.2014 - „Die Korruption ist eine sehr ernsthafte Angelegenheit“, schreibt die große spanische Tageszeitung El País, „es wäre wünschenswert, dass daraus kein Medienzirkus würde.“ Das ist leicht gesagt. Aber hier geht es um Isabel Pantoja, und Isabel Pantoja ist den Spaniern mindestens so ans Herz gewachsen wie den Deutschen, sagen wir: Helene Fischer. Und nun sitzt sie im Gefängnis, seit dem 21. November 2014, wegen Geldwäsche. Wie soll daraus kein Medienzirkus werden?

Pantoja, geboren 1956 in Sevilla, ist eine dieser öffentlichen Personen, über die die Spanier, wenn sie nur die richtigen Zeitschriften lesen und die richtigen Fernsehprogramme sehen, fast alles wissen. Sie lebt vom Gesang, aber sie lebt auch davon, berühmt zu sein. Sie ist eine Folkloresängerin, sie hat die Copla andaluza, ein Genre der spanischen Volksmusik, seit den 1970er Jahren zu neuer Beliebtheit gebracht. Sie singt mit Inbrunst. Sie verkörpert das Spanien, das Hemigway im Kopf hatte, als er einmal schrieb: Alles verändert sich, nur Spanien nicht. Das ist nicht wahr. Aber es gibt dieses alte Postkartenspanien, das sich weigert unterzugehen. Isabel Pantoja ist dessen Repräsentantin.

1983 heiratete sie einen Torero, Paquirri. Volksmusik und Stierkampf. Sie bekamen ein Kind, einen Sohn, Paquirrín, den kennt jeder. Die Ehe dauerte nur anderthalb Jahre: Ein Stier nahm Paquirri im September 1984 auf die Hörner. Fast nie sterben Toreros in der Arena, doch Paquirri starb. Pantoja war „die Witwe Spaniens“. Als hätte ein Drehbuchautor ihre Lebensgeschichte geschrieben. Ihr Ruhm würde niemals vergehen.

Pantoja sang weiter. Mehr als 20 Platten hat sie herausgebracht. Die alten Fans blieben ihr treu, jüngere Fans kamen hinzu. Sie trat in zwei Spielfilmen auf. Sie adoptierte ein peruanisches Mädchen, María Isabel, die kennt auch jeder. Dann verliebte sie sich in Julián Muñoz, den Bürgermeister Marbellas. Das war ihr Untergang. Marbella, an der spanischen Mittelmeerküste, ist eine dieser Städte, in der es sich die Schönen und Reichen dieser Welt gut gehen lassen und in der es die Politiker nicht so genau mit Recht und Gesetz nehmen. Muñoz‘ Vorgänger war Jesús Gil, zugleich Präsident des Fußballclubs Atlético de Madrid, und eine der ersten Korruptionsberühmtheiten Spaniens. Muñoz lernte von seinem politischen Ziehvater.

Im Juli 2006 wurde er festgenommen, da war er schon ein paar Jahre nicht mehr im Amt. Bestechlichkeit, Untreue, Verschleuderung öffentlicher Gelder – die ganze Palette. Er sitzt im Gefängnis, zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Und Isabel Pantoja? Bekam von all dem nichts mit, sagt sie. Und ist von Muñoz längst getrennt. Es nützte alles nichts. Die Müllsäcke voller 500-Euro-Scheine in der Villa ihres Geliebten konnte sie nicht übersehen haben. Zwei Jahre Haft wegen Geldwäsche brummte ihr ein Richter im vergangenen Jahr auf. Beim Verlassen des Gerichts wurde sie ohnmächtig. Sie litt, und sie kämpfte um ihre Freiheit. Vergeblich. Nun musste sie doch ins Frauengefängnis von Alhaurín de la Torre, in der Nähe ihrer Heimatstadt Sevilla, gehen.

Folklore, Stierkampf, Korruption. Für manche ist Spanien eine einzige Fiesta. Früher hat das die Spanier nicht gestört. Jesús Gil bekam bei allen Wahlen in Marbella Traumergebnisse, obwohl alle von den Korruptionsvorwürfen gegen ihn wussten. Es machte ja nichts: Der Stadt ging’s gut, dem Land ging’s gut, es waren die Jahre des Booms. Wie er machten doch alle ihre Geschäftchen, ob in Marbella, Valencia, Barcelona oder Madrid. Aber der Boom dauerte nicht ewig. 2008 platzte die Blase. Die Fundamente, über denen so schöne Fassaden errichtet worden waren, erwiesen sich als verrottet.

Die Spanier rieben sich die Augen und begannen sich zu fragen: Sind wir alle korrupt? Die Politiker, die Immobilienhaie, die Banker, die Königsfamilie, Isabel Pantoja – und wer noch? Im Korruptionsindex von Transparency International fällt Spanien jedes Jahr weiter zurück, was mutmaßlich nicht daran liegt, dass die Korruption zunimmt, sondern das Bewusstsein für ihre Schädlichkeit. Nach der Arbeitslosigkeit bereitet den Spaniern heute nichts mehr Sorgen als die Korruption. Sie wehren sich gegen die Vorstellung, dass sie Teil des genetischen Codes ihres Landes sei. Deswegen wollen immer mehr von ihnen ein Partei wie Podemos wählen, die der Korruption den Kampf angesagt hat. Und auch deswegen verfolgen sie gebannt den Medienzirkus um Isabel Pantoja: weil sie wissen, dass die Korruption eine sehr ernsthafte Angelegenheit ist. Martin Dahms, Spanien-Korrespondent der Berliner Zeitung

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