Sterbehilfe Andreas Eltern

Sterbehilfe in Spanien: Antonio Lago und Estela Ordoñez mussten lange kämpfen, bis die Ärzte einlenkten und die künstliche Ernährung ihrer todkranken Tochter beendeten. (Bild: sc)

SPANIEN LIVE - 06.10.2015 - Lange weigerten sich die Ärzte, die Maschinen abzustellen, welche die mit dem Tode ringende und unheilbar kranke 12-jährige Andrea am Leben erhielten. Obwohl sich sogar die Ethikkommission des staatlichen Krankenhauses im nordspanischen Santiago de Compostela dafür ausgesprochen hatte, den qualvollen Todeskampf des Mädchens zu beenden – und die lebenserhaltenden Geräte endlich abzuschalten. Doch erst als die Eltern vor Gericht zogen, gaben die Ärzte nach und kündigten an, einen „würdigen Tod“ des Mädchens zu ermöglichen. „Die Vernunft hat gesiegt“, sagte erleichtert Sergio Campos, der Anwalt der Familie.

Der Fall der 12-Jährigen bewegte die spanische Öffentlichkeit und fachte in Spanien eine heftige nationale Debatte über die passive Sterbehilfe an, die in einer rechtlichen Grauzone stattfindet und letztlich der Interpretation der Mediziner überlassen bleibt. In der Vergangenheit machten immer wieder dramatische Fälle Schlagzeilen, in denen Ärzte und Gesundheitsbehörden sich weigerten, dem Wunsch von Todkranken nach einem würdigen Ende nachzukommen. Was dazu führte, dass zuweilen anonyme Helfer die lebensverlängernden Maschinen abstellten oder sogar Todescocktails besorgten.

Bei Andrea hatten die Mediziner des Universitätskrankenhauses im berühmten Wallfahrtsort Santiago nun jedoch ein Einsehen: Sie kündigten nach wochenlangem und heftigem Widerstand schließlich an, dass sie die künstliche Ernährung des Mädchens und andere lebensverlängernden Maßnahmen beenden werden. Diese Ankündigung kam offenbar nicht zufällig, sondern auf Druck eines Richters zustande, der eine Einigung zwischen Eltern und Krankenhaus vermittelt hatte - ohne dass es zu einem ausdrücklichen Urteil kam.

„Lassen Sie unsere Tochter in Ruhe sterben“, baten die Eltern, Antonio Lago und Estela Ordoñez. Sie wachten Tag und Nacht am Bett ihrer Tochter, deren Zustand sich in den letzten Monaten weiter verschlechtert hatte. Die 12-Jährige litt praktisch seit Geburt an einer unheilbaren und seltenen neurodegenerativen Krankheit, die nach und nach alle Bewegungsfunktionen und Organe lahmlegte.

„Ihr Körper machte einfach nicht mehr mit“, berichtet ihre Mutter, als sie mit tränengeröteten Augen aus dem Krankenhaus kam. „Jeder Moment mehr war eine Minute mehr des Schmerzes.“ Sie versteht nicht, warum sie bei den Ärzten zunächst wenig Gehör fand mit der Bitte, dem sichtbaren Leiden ihrer Tochter ein Ende zu setzen. „Die gaben mir das Gefühl, dass ich meine Tochter töten wollte.“ Alle Debatten mit Ärzten und Gesundheitsbehörden seien verlaufen, „als ob wir mit einer Wand gesprochen hätten“.

Auch von der konservativen Regierung kam keine Hilfe: Rocío Mosquera, Gesundheitsministerin der Region Galicien, in der die Pilgerstadt Santiago liegt, verteidigte die anfängliche Weigerung der Ärzte, Andrea friedlich einschlafen zu lassen. Dies sei „keine therapeutische Grausamkeit“ gewesen und besser als eine von der Familie gewünschte Sterbehilfe.

Damit lag Mosquera ganz auf der Linie der konservativen Zentralregierung, die sich seit Jahren schwertut, das heiße Eisen der passiven Sterbehilfe endlich eindeutig zu regeln. Wohl auch aus Rücksicht auf die im Land immer noch sehr einflussreiche katholische Kirche, welche dies üblicherweise als „Tötungsdelikt“ verteufelt.

Im Prinzip existiert in Spanien bereits ein Patientengesetz, das jedem Kranken oder seinem Repräsentanten das Recht einräumt, eine medizinische Behandlung abzulehnen. Auch haben einige spanische Regionen eigenständige Schritte unternommen, um Todkranken ein „würdiges Sterben“ zu ermöglichen.

Über allem schwebt aber noch Spaniens nationales Strafrecht, das die Sterbehilfe mit Gefängnis bedroht - was auch bei der Ärzteschaft Rechtsunsicherheit erzeugt: Danach kann theoretisch jeder, der Beihilfe zum Tod eines anderen leistet, auch „auf ausdrücklichen Wunsch“ und im Falle einer lebensbedrohenden Krankheit, angeklagt werden.

Verurteilungen wegen Sterbehilfe wurden freilich in Spanien in letzter Zeit nicht bekannt. Wohl berichten aber Patientenorganisationen, dass es immer mal wieder - wie nun im Falle von Andrea - zur Weigerung von Ärzten kommt, tatsächlich einen würdigen Tod zu ermöglichen. Ralph Schulze

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