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Katastrophe_El_Pais

Spanien: Unglück eines Schnellzuges. Szenen einer Katastrophe, gefilmt von einer Bahnkamera an der Strecke und publiziert von der Tageszeitung "El Pais".

SPANIEN LIVE - 25.07.2013 - Es war das schwerste Zugunglück in Spanien seit Jahrzehnten: Anwohner hörten ein Krachen, die Erde schien zu beben. Dann plötzlich unheilvolle Stille und Rauchsäulen. Am Unglücksort fanden die ersten Helfer ein Horrorszenario. Umgestürzte und zertrümmerte Bahnwaggons. Einige hatten sich ineinander verkeilt. Die Wucht des Unglücks war so groß, dass ein Waggon samt Passagieren über eine zehn Meter hohe Schutzmauer geschleudert und teilweise zerfetzt wurde. Der letzte Waggon, an dem ein Triebkopf samt Dieseltank hing, brannte.

Der Schnellzug, der von der Hauptstadt Madrid in die nordspanische Fischerstadt Ferrol fahren sollte, entgleiste am Abend des 24. Juli 2013 um 20.42 Uhr. Und zwar wenige Kilometer vor dem Bahnhof der berühmten Pilgerstadt Santiago de Compostela, in der Stunden später das Stadtfest für den Schutzheiligen Santiago eröffnet werden sollte. Das Unglück ereignete sich in einer engen Linkskurve, in der die Geschwindigkeit auf 80 Stundenkilometer begrenzt war.

Schnellzug raste in Kurve und entgleiste - Lokführer war abgelenkt und bremste nicht - Sicherheitsmängel: Kein automatisches Zugleitsystem auf der Strecke

„Ich bin mit 190 gefahren“, soll der nur leicht verletzte Lokführer kurz nach der Katastrophe zugegeben haben. Er sei abgelenkt gewesen, weil er kurz vor der Kurve mit dem Zugschaffner telefoniert habe und deswegen zu spät abgebremst habe. Im Video einer Sicherheitskamera sieht man, wie der Zug mit großer Gewalt gegen eine Begrenzungsmauer kracht.

Später hörte man, dass die Kurve bei den Lokführern als „schwierig“ galt. Auf der Strecke gab es kein automatisches Bremssystem, das heute vielerorts zum Sicherheitsstandard gehört. Sparte die Bahngesellschaft, die einen hohen Schuldenberg vor sich herschiebt, an der Sicherheitsausrüstung?

Im Schnellzug mit 13 Waggons saßen etwa 250 Menschen. Auch ausländische Touristen reisten mit. Pilger, die nach Santiago wollten. Die Triebwagen des Zuges vom Typ Alvia kann mit Strom, aber auch mit Diesel fahren, und eine Spitze von 250 Stundenkilometer erreichen.

Auch Touristen und Pilger aus dem Ausland sind unter den Opfern - Der Zug wurde auseinandergerissen, ein Wagen meterhoch durch die Luft geschleudert

Die ganze Nacht bargen die Retter Verletzte und Tote. Die fürchterliche Bilanz: 79 Tote und mehr als 150 Verletzte. Etliche Menschen schwebten in Lebensgefahr, hieß es. Auch die Identifizierung mancher Leichen sei schwierig. Einige Opfer seien verstümmelt worden. Die Bevölkerung wurde zu Blutspenden aufgerufen.

Besonders schlimm hatte es den hinteren Teil des Zuges erwischt: Der gesamte Zugkonvoi war auseinandergerissen worden. Der Triebwagen und die ersten Waggons sprangen aus den Schienen und blieben im Gleisbett stehen. Ein Wagen in der Zugmitte wurde in die Luft geschleudert, landete hinter einer hohen Schutzmauer und fast im Vorgarten einiger nahen Häuser. Die hinteren Waggons überschlugen und verkeilten sich auf der Bahnstrecke.

Feuerwehrleute und Ärzte berichteten von grausigen Momenten: Manchen Körpern seien der Kopf oder Gliedmaßen abgetrennt worden. Andere Opfer seien aus den Fenstern geschleudert und dann „von umstürzenden Wagen begraben“ worden. Handys klingelten in den Taschen einiger Todesopfer, die am Bahndamm aufgereiht unter Tüchern und Decken lagen. Blutüberströmte Menschen werden auf Bahren weggetragen.

Die Horrorszenen vom Unglücksort erinnerten viele Spanier an die Bilder vom Terroranschlag auf vier Vorortzüge in Madrid am 11. März 2004. Damals waren bei einem islamistischen Bombenattentat 192 Menschen ums Leben gekommen. Doch dieses Mal erklärt schon Stunden nach dem Drama ein spanischer Regierungssprecher: „Es gibt keine Hinweise auf einen Terroranschlag.“

Anwohner hörten eine „große Explosion“ - Die Regierung schloss jedoch einen Terroranschlag aus - König: Schmerz und Traurigkeit in Spanien

Die Aussagen von Passagieren und auch Anwohnern der Zugstrecke sind zunächst widersprüchlich: „Als der Zug in die Kurve ging, hatte ich das Gefühl, dass wir zu schnell fuhren“, sagte ein junger Mann namens Sergio, der dem Inferno leicht verletzt entkam. Anwohner berichteten derweil, sie hätten so etwas wie eine „große Explosion“ gehört. „Ein Krachen, als ob sich ein Erdbeben ereignet hätte.“ Höllenlärm, der nach Meinung der Experten aber auch durch einen zerstörerischen Aufprall verursacht worden sein könnte.

Am Tag nach der Katastrophe kam Spaniens konservativer Regierungschef Mariano Rajoy zum Unglücksort. Leichenblass nahm er den Ort des Schreckens in Augenschein. Versprach eine „schnellstmögliche Aufklärung“ der Katastrophe. Die Unglücksregion Galicien ist seine Heimat. König Juan Carlos sprach in einer Beileidsbotschaft an die Angehörigen der Opfer von einem „schrecklichen Unfall“, welcher die ganze Nation „mit Schmerz und Traurigkeit fülle“.

Die Region Galicien verhängte eine siebentägige Staatstrauer, ganz Spanien verkündete drei Trauertage. Das mehrtägige Volksfest in Santiago de Compostela, mit dem gerade der Namenstag des heiligen Santiago gefeiert werden sollte, wurde abgesagt. In der Stadt leben etwa 100.000 Menschen. Die Kathedrale des Ortes ist das Ziel von hunderttausenden Jakobspilgern, die jedes Jahr über den Jakobsweg nach Santiago wandern.

Eine der schlimmsten Katastrophen in Europas Eisenbahn-Geschichte – Vor 70 Jahren starben auf der gleichen Strecke bei einem Unglück mehr als 500 Menschen

Die Zug-Katastrophe von Santiago de Compostela ist die zweitschlimmste in der Geschichte des spanischen Königreiches. Auf der gleichen Strecke, von Madrid nach Galicien, war 1944 ein Passagierzug gegen eine Rangierlok geprallt. Damals sollen mindestens 500 Menschen gestorben sein. Zu dieser Zeit herrschte Diktator Francisco Franco, der die genaue Opferzahl geheim hielt.

Das Unglück in Santiago ist zugleich die zweitschwerste Eisenbahntragödie in der europäischen Nachkriegsgeschichte. Die schlimmste Zugkatastrophe hatte sich 1998 im deutschen Eschede ereignet, als ein ICE auf dem Weg von München nach Hamburg entgleiste und 101 Menschen starben. Ralph Schulze

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