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Geraubte_Kinder

Suche nach geraubten Kindern in Spanien: In vielen Städten haben sich die Betroffenen organisiert. (Bild: ar)

SPANIEN LIVE - 13.04.2012 - Geraubte Kinder in Spanien: Weinend kommen sie aus dem Gericht. Marisa Torres und ihre Tochter Pilar, die gerade dem Untersuchungsrichter erzählten, wie sie sich nach drei Jahrzehnten Zwangstrennung wiederfanden. Die Mutter berichtete schluchzend, dass ihr 1982 in einer Klinik in der spanischen Hauptstadt Madrid ihr Neugeborenes weggenommen worden sei. Offenbar von einer katholischen Ordensschwester, die nun der Kindesentführung beschuldigt wird. Der Fall gilt als exemplarisch: In früheren Jahrzehnten sollen tausende Babys in Spanien von einer Adoptions-Mafia entführt und verkauft worden sein.

Vor dem Gerichtsgebäude in Madrid warten Dutzende von Frauen und recken Schilder in die Höhe, auf denen steht: „Wir sind alle Marisa.“ Sie suchen noch ihre Kinder, die ihnen vor 30 oder noch mehr Jahren in spanischen Krankenhäusern entrissen wurden.

Bis zu 300.000 Kindesentführungen in Spanien? Die Babys wurden für tot erklärt und dann heimlich an Adoptiveltern vermittelt

Marisa Torres ist eine der wenigen, die ihre verloren geglaubte Tochter nach öffentlicher Fahndung über einen TV-Sender wiederentdeckte. Doch bei aller Freude ist sie auch verbittert: „Niemand kann mir diese Jahre ohne meine Tochter zurückgeben“, sagt sie unter Tränen und fordert eine harte Strafe für die beschuldigte Nonne, die heute 80 Jahre ist und die Vorwürfe als „falsch“ bezeichnet.

Der bewegende Fall ist der erste, in dem ein Richter ein konkretes Ermittlungsverfahren eröffnet. Allein in Madrid liegen rund 50 Anzeigen wegen ähnlicher Zwangsadoptionen vor. Die Opfer, die sich inzwischen organisiert haben, sprechen von bis zu 300.000 solcher „Kindesentführungen“ im ganzen Land – belegen lässt sich dies aber nicht.

Die Kinderentführungen spielten sich, den Aussagen zufolge, bis in die 90er Jahre stets nach dem gleichen Muster ab: Den Müttern wurde nach der Niederkunft von Ärzten, Ordensschwestern oder Priestern erklärt, ihre Babys seien tot auf die Welt gekommen.

Oder Frauen in psychisch schwierigen Situationen wurden unter Druck gesetzt, um ihre Kinder „freiwillig“ abzugeben. Vorzugsweise wurden offenbar Mütter aus armen Verhältnissen, kaputten Beziehungen oder mit unehelichen Schwangerschaften als Opfer ausgewählt.

Kirche und Krankenhäuser arbeiteten Hand in Hand: Nonnen nahmen die Kinder, Ärzte stellten falsche Todes- und Geburtspapiere aus

Dahinter steckte nach den bisherigen Erkenntnissen in vielen Fällen eine unselige Gemeinschaft aus Ärzten, Nonnen, Priestern und konfessionellen Krankenhäusern. Die „geraubten Kinder“ wurden an Nachwuchs suchende Paare gegen „Spenden“ vermittelten. Die Bedingung war oft, dass die neuen Eltern katholisch waren und weit weg wohnten.

Die Ermittlungen sind freilich sehr schwierig: Viel Zeit ist vergangen, Urkunden wurden gefälscht, viele zwangsadoptierte Kinder kennen bis heute nicht die Wahrheit über ihre Herkunft und die Lust der Behörden zur Aufklärung scheint begrenzt.

Spaniens konservativer Justizminister Alberto Ruiz-Gallardon versprach zwar, in diesem „fürchterlichen Drama“ mit einer Gen-Datenbank zu helfen, um die Kinder mit ihren biologischen Eltern zusammenzuführen. Doch Versprechen gab es schon viele, geschehen ist hingegen bisher wenig.

Schon unter der Franco-Diktatur wirkten Ordensfrauen bei Zwangsadoptionen mit - Babys aus Oppositionsfamilien sollten umerzogen werden

Der organisierte Kindesraub in Spanien begann offenbar schon während der rechtsgerichteten Franco-Diktatur (1939-1975), in welcher Oppositionelle verfolgt wurden.

Es handelte sich damals vorzugsweise „um Kinder von Gefangenen“, beklagte schon vor Jahren Spaniens berühmter Untersuchungsrichter Baltasar Garzón, um Kinder regimefeindlicher Mütter, welche im Gefängnis saßen. Oder um Babys junger Frauen, die als „linke Verräterinnen“ erschossen worden waren. Auch seien Kinder entführt und linientreuen Adoptiveltern zur „Umerziehung“ übergeben wurden.

Untersuchungsrichter Garzón schätzte in seinem Ermittlungsbericht, dass es allein während der Franco-Zeit 30.000 solcher Fälle gegeben habe. Auch damals schon spielten Ordensschwestern der katholischen Kirche, die den Diktator Franco vorbehaltlos gestützt hatte, eine Schlüsselrolle bei den Zwangsadaptionen. Doch diese wie auch weitere Untaten des Regimes sind bis heute nicht aufgeklärt worden.

Und Garzón, der es als Erster gewagt hatte, in diesem dunklen Geschichtskapitel zu stochern, wurde inzwischen von der Justiz mit einem Berufsverbot kaltgestellt. Ein schlechtes Omen für die Wahrheit in diesem Skandal. Ralph Schulze

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