Ebola in Madrid

Ebola-Krise in Madrid: Nach wachsender Kritik an den Behörden schaltete sich Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy ein. (Bild: gob)

SPANIEN LIVE - 10.10.2014 - In Spanien kann man dieser Tage sehen, wie man die globale Ebola-Epidemie mit Sicherheit nicht unter Kontrolle bekommt: Improvisation, Pannen und fehlende Vorbereitung auf den Ernstfall haben dort dafür gesorgt, dass der erste Ebola-Ausbruch in Europa die Regierung in eine tiefe Vertrauenskrise stürzte. Und die spanische Bevölkerung nicht nur in Madrid, wo die Ansteckung auftrat, in Unruhe versetzte.

„Sogar in Afrika sind sie besser auf die Epidemie vorbereitet“, schimpft eine Krankenpflegerin, die vor dem Madrider Hospital Carlos III. im Norden der Hauptstadt ihrer Wut Luft macht. Der Ärger über mangelhafte Schutzvorkehrungen in jenem Krankenhaus, in dem der Ebola-Virus von einem infizierten und inzwischen verstorbenen Missionar auf eine Pflegerin übersprang, ist groß. So groß, dass sich viele Pfleger und auch Ärzte inzwischen weigern, im „Ebola-Krankenhaus“ Dienst zu schieben.

Pfleger und Ärzte müssen ohne geeignete Schutzkleidung arbeiten - Schwere Vorwürfe gegen spanische Regierung

Inzwischen weiß man, dass in diesem Hospital die EU-Sicherheitsvorschriften für den Umgang mit hochansteckenden Viren nicht eingehalten wurden. Dem medizinischen Personal wurden unzureichende Schutzanzüge der Klasse 2 zur Verfügung gestellt, welche nur bei geringen Infektionsrisiken zugelassen sind. Für den Umgang mit dem tödlichen Ebola-Virus ist hingegen in Behandlungszentren wie in Laboratorien die maximale Schutzkategorie 4 vorgeschrieben.

Dies ist genaugenommen ein Skandal, den man juristisch auch als Gefährdung der öffentlichen Gesundheit werten könnte. Ob jene 44 Jahre alte Krankenschwester namens Teresa Romero, welche sich freiwillig für die Pflege des aus Westafrika evakuierten Missionars gemeldet hatte, diese Fahrlässigkeit der Gesundheitsbehörden überleben wird, weiß man noch nicht. Ihr Zustand galt als „kritisch“.

Auch muss damit gerechnet werden, dass in der Folge dieser amtlichen Leichtfertigkeit in Spanien noch weitere Ebola-Infektionen auftreten. Mindestens 13 Menschen, die einem großen Ansteckungsrisiko ausgesetzt waren, befinden sich derzeit im Krankenhaus Carlos III. in Quarantäne - die meisten sind Ärzte und Pfleger, die im Umgang mit dem Virus nicht ausreichend geschützt waren. Rund 90 Menschen stehen zudem unter medizinischer Beobachtung.

Die Gesundheitsbehörden haben versagt - Aber die Verantwortlichen schieben der an Ebola erkrankten Pflegerin die Schuld für die Infektion zu

Das Versagen der Gesundheitsbehörden in dieser bisher schlimmsten Ebola-Krise in Europa sorgte vermutlich dafür, dass Spaniens umstrittene Gesundheitsministerin Ana Mato vorerst auf Tauchstation ging. Und der Chef der unter Beschuss stehenden Madrider Gesundheitsverwaltung, Javier Rodríguez, durch einseitige Schuldzuweisungen seine Haut zu retten versucht: Die mit dem Virus infizierte Krankenschwester, meinte er kühl, sei möglicherweise selbst schuld – sie habe sich wohl „durch Unachtsamkeit“ angesteckt. Beweise für diese Behauptung gibt es nicht.

Derartige Dreistigkeiten sorgen bei Spaniens Pflegeverbänden für gehörige Empörung und verstärken beim medizinischen Personal das Gefühl, dass es in der spanischen Ebola-Krise die „Inkompetenz und Unfähigkeit“ der Gesundheitspolitiker ausbaden muss. „Jetzt sind wir also, die hier ihr Leben riskieren, auch noch die Verantwortlichen für diese Misere“, schimpfen Krankenschwestern, welche im Hospital Carlos III. unter schwierigsten Bedingungen arbeiten. „Wir werden mit dieser Epidemie allein gelassen.“

Die wachsende Alarmstimmung veranlasste Spaniens konservativen Regierungschef Mariano Rajoy dann doch dazu, ein Zeichen zu setzen: Überraschend tauchte er im Krankenhaus Carlos III. auf. Er hörte sich die Sorgen des Personals an. Und versprach vor laufenden Kameras, alles zu tun, um die Sicherheit der Bevölkerung zu garantieren sowie den Ebola-Virus in Spanien unter Kontrolle zu bekommen. Immerhin eine Geste, die beweist, dass bei Rajoy die Brisanz dieser Ebola-Krise angekommen ist. Ralph Schulze

 

REPORT: SPANIEN WIRD ZUM EINGANGSTOR DES EBOLA-VIRUS IN EUROPA

Hinter den Fensterscheiben sieht man Gestalten in gelben Schutzanzügen vorbeihuschen. Dort oben im sechsten Stockwerk des Madrider Krankenhauses Carlos III. im Norden der Hauptstadt kämpft auf der Isolierstation eine spanische Krankenschwester um ihr Leben, die sich in diesem Hospital bei der Pflege von zwei Ebola-Kranken mit dem tödlichen Virus ansteckte.

Dieses schon etwas in die Tage gekommene Krankenhaus erlangte über Nacht traurige Berühmtheit als die „Eingangstür des Ebola-Virus in Europa“, wie es ein TV-Kommentator nennt. In diesem Hospital steckte sich die 44-jährige Hilfskrankenschwester Teresa Romero mit der heimtückischen Ebola-Krankheit an. Und sie gilt als das erste Opfer, das sich außerhalb Afrikas infizierte.

Teresa gehörte zu jenen 30 Ärzten und Pflegern, die hier im August und September zwei spanische Missionare pflegten, die sich in Westafrika um Ebola-Kranke gekümmert und dadurch angesteckt hatten. Die beiden Ordensbrüder, welche von der spanischen Regierung mit Rettungsflügen aus Sierra Leone und Liberia evakuiert worden waren, überlebten nicht. Der 75-jährige Geistliche Miguel Pajares starb am 12. August in diesem Krankenhaus, sein 69-jähriger Glaubensbruder Manuel García Viejo am 25. September.

Auch sie rangen im sechsten Stockwerk dieses Stadt-Krankenhauses, das auf Infektionskrankheiten spezialisiert ist, um ihr Leben. Und Teresa zwängte sich damals für ihre Versorgung in jenen unbequemen gelben Schutzanzug mit weißer Haube, den nun auch ihre Pfleger tragen. Ein Gummigewand, das beim Personal auf der Ebola-Etage als wenig sicher gilt. Zudem berichteten Pfleger schon während der Behandlung der beiden Missionare von „Improvisation“, „Unregelmäßigkeiten“ und „Verstößen gegen die Sicherheitsvorschriften“ auf der Krankenstation.

Draußen, neben dem Eingangstor, hängt am Zaun ein Protestschild der Belegschaft mit der Aufschrift „Rettet das Krankenhaus Carlos III“. Das öffentliche Hospital leidet wie Spaniens gesamtes staatliches Gesundheitssystem unter dem harten Sparkurs der konservativen Regierung Spaniens. Belegschaft, medizinische Materialien und Betten wurden gnadenlos zusammengestrichen. Regelmäßig berichten die spanischen Medien über „haarsträubende Zustände“ bei der Versorgung von Notpatienten.

Die vorgeschriebene engmaschige Gesundheitskontrolle jenes Pflegepersonals, das mit Ebola-Patienten in Berührung kommt, scheint in Spanien bisher ziemlich lax gehandhabt worden zu sein. Die nun infizierte Krankenschwester hatte nach dem Tod des Ebola-Kranken Manuel García Viejo am 25. September einige Tage Urlaub genommen. Am 30. September meldete sie sich mit leichtem Fieber beim Hospital und wurde von den Ärzten wieder - ohne einen Ebola-Test zu absolvieren - nach Hause geschickt. Erst sechs Tage später, am Montag dem 6. Oktober, wurde im Vorortkrankenhaus Alcorcón eine entsprechende Blutuntersuchung gemacht.

Unterdessen gerät Spaniens konservative Gesundheitsministerin Ana Mato immer mehr unter Beschuss: In einer spontanen Demonstration vor dem Eingang der Klink Carlos III. forderten Schwestern, Pfleger und Ärzte den Rücktritt der Ministerin. Sie sei dafür verantwortlich, dass das Krankenhaus mit der Sparaxt „zerschlagen“ worden sei. „Wir verfügen nicht über die Ausstattung, um Ebola-Erkrankte zu behandeln“, klagte eine Gewerkschaftssprecherin des medizinischen Personals. „Stattdessen ist hier eine Art provisorisches Feldlazarett aufgebaut worden.“ red

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