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Ein Fotoalbum mit traurigen Erinnerungen: Jose glaubt nicht mehr an Gerechtigkeit. (Bild: Gara Fariña García)

 

 

 

 

 

SPANIEN LIVE - Beim Thema Gewalt ist die Rollenverteilung oft eindeutig: Männer sind Täter, Frauen Opfer. Dass auch Männer Gewalt seitens ihrer Partnerinnen erfahren, ist im öffentlichen Bewusstsein kaum präsent. Gerade in Spanien scheint das Bild vom aggressiven „Macho“ noch immer fest verankert zu sein. Seit acht Jahren schützt ein spezielles Gesetz Frauen vor männlicher Gewalt. Die Schattenseiten ambitionierter Gleichstellungs- und Schutzmaßnahmen zeigt der Fall eines Spaniers namens Jose (Der Name wurde von der Redaktion geändert).

„Es fühlt sich an wie ein Leben in unsichtbaren Fesseln“, erzählt Jose (49), als er in einem Fotoalbum blättert, das er ständig bei sich trägt. Den Glauben an die Gerechtigkeit in seinem Land hat er längst verloren. Als er ein altes Foto entdeckt, wird er still: Strahlend hält er darauf seine kleine Tochter im Arm. Sie starb im Alter von sechs Monaten an einer Lungenentzündung.

Rechtliche Ungleichbehandlung? - Spaniens Gesetz gegen geschlechtsspezifische Gewalt schützt nur die Frauen und sieht Männer als potenzielle Täter

Neben verschiedenen Schicksalsschlägen in Joses Leben hat auch das spanische Gesetz gegen geschlechtsspezifische Gewalt an seinen Kräften gezehrt. Er fühlt sich durch die rechtliche Ungleichbehandlung zermürbt. In dem 2005 in Kraft getretenen Gesetz wird unter „geschlechtsspezifisch“ ausschließlich Gewalt gegenüber Frauen verstanden. Es beinhaltet nicht nur Präventionsmaßnahmen im Bildungs- und Gesundheitssektor, spezielle Werberichtlinien, Sondergerichte und umfassende Opferrechte, sondern erhöht auch das Strafmaß für Gewalttäter.

Vor 18 Jahren lernte Jose die Liebe seines Lebens kennen. Für den LKW-Fahrer war es die erste Freundin. Sie schenkte ihm Aufmerksamkeit, war liebevoll. Beide heirateten und zogen in ein kleines Dorf in der Nähe von Madrid. Nach dem Tod der gemeinsamen Tochter änderte sich die Ehe schlagartig: Sie habe begonnen, ihn zu beleidigen und seine Arbeit lächerlich zu machen, sagt er.

Während sie in psychologischer Behandlung war und aufhörte zu arbeiten, um den Verlust der Tochter und eine kurz darauf festgestellte Krankheit zu verarbeiten, verdiente er den Lebensunterhalt. Familiäre Unterstützung hatten beide nicht. Als er unter dem Druck zu zerbrechen schien und sie um Hilfe bat, habe sie mit Nichtachtung reagiert. Irgendwann seien ihre Worte in körperliche Gewalt übergegangen, einmal habe sie ihm das Gesicht blutig gekratzt. Hinzu seien Provokationen und Falschanzeigen gekommen. Erst nach sechs Jahren suchte sich Jose psychologische Hilfe.

Die Einschätzung, dass Frauen das Gesetz auch für Falschanzeigen nutzen, wird nicht von allen Experten geteilt: Die Präsidentin der spanischen Untersuchungskommission zur Gewalt gegen Frauen, Susana Martínez Novo, sieht darin lediglich ein mediales Phänomen. „Das ist ein Mythos“, sagt sie.

Falschanzeigen: Mythos oder Realität? - Rechtsanwalt: Rund die Hälfte aller Beschuldigungen gegen Männer sind unzutreffend

Anreize für Falschanzeigen gibt es nach Ansicht von Joses Rechtsanwalt aber genug. Víctor Martínez Patón ist einer der wenigen Anwälte in Spanien, die sich auf diese Problematik spezialisiert haben. „Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt erhalten bis zu 400 Euro monatlich, günstigere Mietwohnungen und bei Scheidungen muss der Mann die gemeinsame Wohnung sofort verlassen“, erklärt er. „Und Opfer ist man mit der bloßen Behauptung, dass der Partner die Frau beleidigt, sie zum Beispiel eine schlechte Mutter genannt hat.“

Jose klammert sich an sein Fotoalbum, sein Blick schweift in die Ferne: „Als plötzlich die Polizei vor meiner Tür stand und von Anzeige sprach, verstand ich gar nichts mehr.“ Auch wenn es seinerseits keine körperliche Gewalt gegeben habe, musste er eine Nacht in der Zelle verbringen. „Es ist unvorstellbar, wie machtlos ich mich gefühlt habe“, erinnert er sich.

Bedrohungen gegenüber Frauen werden seit der Einführung des Gesetzes als Verbrechen und nicht mehr als Vergehen geahndet. Wie Martínez erklärt, wird der Mann daraufhin von der Polizei festgenommen und am nächsten Tag einem Richter vorgeführt. „Beide Partner werden verhört, und wenn die Frau überzeugend klingt, kann der Mann bis zu einem Jahr Gefängnis bekommen, auch wenn sie die einzige Zeugin ist“, sagt der 30-jährige Anwalt.

In offiziellen Berichten wie dem des staatlichen Observatoriums gegen geschlechtsspezifische und häusliche Gewalt gelten Falschanzeigen als Ausnahmeerscheinung. Sie würden etwa 0,01 Prozent aller Anzeigen in dem Bereich ausmachen, meist nicht mehr als 20 bei insgesamt 100.000 pro Jahr, heißt es. Die Praxis vieler Rechtsanwälte zeigt jedoch eine andere Realität. Martínez berichtet von Klienten, die nach mutmaßlichen Falschanzeigen mehr als 20 Mal festgenommen wurden. Er schätzt die tatsächliche Anzahl falscher Beschuldigungen auf über die Hälfte aller Fälle.

„Wenn ein Mann eine Frau misshandelt, wird dies höher bestraft als umgekehrt. Bei Unfall wird auch nicht unterschieden, ob ein Mann oder eine Frau am Steuer saß“

Grund für die gegensätzlichen Angaben sind wohl auch unterschiedliche Definitionen. Während staatliche Institutionen vom Delikt der Falschanzeige ausgehen, also von Fällen, in denen die Falschanzeige nachweisbar war und die Frauen verurteilt wurden, beziehen sich Rechtsanwälte in der Regel auf Anzeigen, in denen es für die Frau keine strafrechtlichen Konsequenzen gab und das Verfahren wegen fehlender Beweise eingestellt wurde.

Kritiker des Gesetzes sehen im unterschiedlichen Strafmaß für Männer und Frauen die größte Ungerechtigkeit. „Wenn ein Mann eine Frau misshandelt, wird dies höher bestraft als umgekehrt. Bei einem Verkehrsunfall wird aber auch nicht unterschieden, ob ein Mann oder eine Frau am Steuer saß. Mit Gleichheit vor dem Gesetz hat das nichts zu tun“, meint Anwalt Martínez.

Gegen diese Ungleichheit vor dem Gesetz machen sich mittlerweile auch spanische Feministen-Vereine stark. „Avilegen“ – die Abkürzung für „Organisation der Opfer des Gesetzes gegen geschlechtsspezifische Gewalt” (Asociación de víctimas de la ley de violencia de género) – fordert die Änderung oder Abschaffung des Gesetzes. Der Verein gehört zum landesweiten Verband „Federgen“ (Federación de afectados por las leyes de género), der infolge zunehmender Falschanzeigen im Umfeld der Mitglieder entstand. „Wir fordern ein symmetrisches Gesetz, das nicht automatisch davon ausgeht, dass der Mann der Täter ist“, sagt die Präsidentin von „Avilegen“-Madrid, Antonia María Carrasco.

Inzwischen gibt es auch Hilfsorganisationen für Männer, um Beratung und Informationen anzubieten  -Warum habe ich als Mann nicht dieselben Rechte?“

Die Vereinigung bietet Männern wie Jose eine erste Anlaufstelle. „Wir überprüfen zunächst die polizeilichen Nachweise, reden mit Freunden und Familienangehörigen, um uns ein umfassendes Bild zu machen. In keinem Fall wollen wir tatsächliche Gewalttäter unterstützen“, betont Carrasco. Dann leite man betroffene Männer an kooperierende Anwälte und Psychologen weiter. Zudem versuche der Verein, mit Informationskampagnen auf das Thema aufmerksam zu machen. 

An „Avilegen“ oder ähnliche Vereinigungen hat sich Jose nicht gewandt. Er glaubt nicht, dass sie ihm weiterhelfen können. Was er fordert, ist Gerechtigkeit vom Staat. Er reichte Klage gegen seine Ex-Frau wegen psychischer Verletzungen ein. Ärztliche Gutachten bestätigten seinen Zustand. Noch immer nehme er Medikamente. Die psychische Gewalt hat sichtbare Spuren hinterlassen.

Mehrfach im Gespräch verliert er den Faden, wiederholt sich und sucht nach Worten. Aus einem abgenutzten Rucksack holt er eine riesige Aktentasche hervor. „Hier habe ich alle Dokumente, die meine Situation belegen“, sagt er und blättert nervös in einem Stapel Papier. Seine Hände zittern.

„Ich weiß, dass es viel mehr Frauen gibt, die von ihren Männern misshandelt oder sogar umgebracht werden. Das ist eine Schande“, sagt Jose mit aufgeregter Stimme. Das Verhältnis von Männern und Frauen, die durch Gewalt ihres Partners sterben, liegt in Spanien etwa bei eins zu zehn. „Aber warum habe ich als Mann nicht dieselben Rechte?“, fragt er. Seine Klage war von der zuständigen Richterin sofort eingestellt worden. Juliane Pfordte

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