Absturz Germanwings A320

Absturz in den französischen Alpen: Ein Germanwings-Jet des Typs Airbus A-320 stürzte auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf ab. (Bild: Germanwings)

SPANIEN LIVE - 24.03.2015 - Entsetzte Mienen, blasse Gesichter, viele mit Tränen in den Augen. Immer mehr Angehörige treffen am Dienstagnachmittag im Terminal 2 des internationalen Flughafen Barcelona-El Prat ein. Einige müssen von Helfern gestützt werden. Sie werden von Sicherheitskräften in einen abgeschirmten Saal des Gebäudes geleitet, wo sie von Ärzten und Psychologen betreut werden. Auch deutsche Diplomaten vom Konsulat in Barcelona treffen ein.

Der Flughafen ist das wichtigste Urlauber-Drehkreuz in der nordostspanischen Region Katalonien. An Bord des Germanwings-Fluges Barcelona-Düsseldorf mit der Nummer 4U9525, der am 24. März in den französischen Alpen abstürzte, saßen vor allem Touristen, aber auch Geschäftsleute und Austauschschüler.

Viele jener, die auf dem Flughafen eintreffen und verzweifelt um Informationen bitten, sind Deutsche, deren Angehörige, Freunde oder Kollegen in dem abgestürzten Germanwings-Flugzeug saßen. Aber auch spanische Betroffene erkundigen sich nach dem Schicksal ihrer Liebsten, trösten sich mit Umarmungen, halten die Hände vors verweinte Gesicht.

Am Nachmittag wird von den Behörden mitgeteilt, dass eine deutsche Gruppe mit 16 Austauschschülern und zwei begleitende Lehrerinnen unter den Opfern sind. Die Schüler eines Spanischkurses im zehnten Schuljahr stammen aus Haltern in Nordrhein-Westfalen und hatten eine Partnerschule in der katalanischen Kleinstadt Llinars del Vallès nahe Barcelona besucht. Insgesamt saßen laut Germanwings 144 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder in der Maschine, ein Airbus A-320.

„Wir tun alles, um den Familien zu helfen“, verspricht Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy in einer Ansprache, die auch über die TV-Monitore im Flughafen flimmert. Er beruft ein Krisenkabinett ein. Den Angehörigen wird am späten Nachmittag angeboten, sich in einem nahen Hotel auszuruhen. Spanischen Angaben zufolge sollen all jene Betroffenen, die es wünschen, so bald wie möglich und kostenlos in die Nähe des Absturzortes in den französischen Alpen gebracht werden.

Auch Spaniens König Felipe spricht sichtlich bewegt und mit gebrochener Stimme von „einer furchtbaren Katastrophe“, übermittelt den Hinterbliebenen sein Beileid. Felipe und Königin Letizia waren gerade in Paris gelandet, befanden sich auf dem Weg zu Frankreichs Staatspräsident François Hollande, als sie die Horrornachricht erreichte. Gemeinsam mit Hollande beschließt Felipe, die Staatsvisite abzubrechen.

Der Germanwings-Jet hatte am Vormittag kurz vor zehn Uhr vom Flughafen El Prat in Barcelona abgehoben. Gut 20 Minuten später übergaben die spanischen Fluglotsen die Überwachung der Maschine an die französische Flugaufsicht – „ohne Vorkommnisse“, heißt es von spanischer Seite später. Um 10.53 verschwand der Airbus dann von den Radarschirmen - die Maschine zerschellt in den südfranzösischen Alpen.

Es herrschte zu diesem Zeitpunkt über Katalonien kein schlechtes Wetter. Sonne und Wolken wechselten sich ab. Die Temperaturen lagen bei 12 Grad in Barcelona. Doch dann fiel an diesem schwarzen Tag Trauerstimmung über diese sonst so lebensfreudige Touristenstadt.

Der riesige Flugplatz mit drei Start- und Landepisten liegt am südöstlichen Rand der katalanischen Metropole Barcelona. Den Passagieren bietet sich beim Ab- und Anflug ein herrlicher Blick auf den nahen Hafen, das Meer und die attraktive Silhouette der Großstadt.

Auf El Prat wurden im Jahr 2014 nahezu 38 Millionen Passagiere abgefertigt. Der Airport boomt derzeit wie kein anderer Flugplatz im Lande. Bisher ist der Flughafen nach dem Drehkreuz Madrid der zweitgrößte Airport Spaniens. An dritter Stelle in der Passagierstatistik steht der Urlauberairport auf der Ferieninsel Mallorca, der nur eine halbe Flugstunde entfernt im Mittelmeer liegt.

Das Unglück schickte am Dienstag Schockwellen durch ganz Katalonien. Die Region ist Spaniens wichtigste Feriendestination und schlägt in Sachen Beliebtheit sogar Mallorca: Insgesamt fast 17 Millionen ausländische Gäste, mehr als 25 Prozent all jener Urlauber, die im Jahr 2014 nach Spanien kamen, machten in Katalonien Station – die meisten kamen mit dem Flugzeug. Und es werden immer mehr Feriengäste. Der Besucherstrom in Barcelona und ganz Katalonien nahm gegenüber dem Vorjahr um sieben Prozent zu.

Vor allem die katalanische Hauptstadt Barcelona mit 330.000 Gästebetten und die nahe Costa Brava, die berühmte und vor allem bei den Deutschen so beliebte „wilde Küste“, sind die touristischen Magnete dieser eigenwilligen spanischen Region. Katalonien ist jener spanische Landesteil, der in letzter Zeit durch einen brodelnden Separatismus-Konflikt immer wieder Schlagzeilen machte.

Viele der 7,5 Millionen Katalanen haben das Gefühl, dass ihre wirtschaftsstarke Region, die ihre eigene Kultur und Sprache pflegt, vom spanischen Zentralstaat ungerecht behandelt wird – deswegen wollen sie am liebsten sofort einen eigenen Staat ausrufen. Ralph Schulze

 

STICHWORT: LUFTFAHRT-KATASTROPHEN UND SPANIENS TOURISMUS

SPANIEN LIVE - Der Absturz der in Barcelona gestarteten Germanwings-Maschine weckte in Spanien Erinnerungen an frühere spanische Luftfahrt-Dramen, die ebenfalls schwarze Tage für den Tourismus des Königreiches markierten.

Am 20. August 2008 waren beim Absturz eines Ferienfliegers der spanischen Airline Spanair 154 Menschen umgekommen. Die vollbesetzte Passagiermaschine, die von Madrid nach Gran Canaria fliegen sollte, war am Ende der Startbahn in Madrid aus wenigen Metern Höhe auf den Boden aufgeschlagen und explodiert. 154 der 172 Menschen an Bord starben, 18 wurden zum Teil schwer verletzt. Auch eine vierköpfige deutsche Urlauberfamilie war in dem Flammeninferno, in dem Feuerwehr nicht mehr viel ausrichten konnte, umgekommen.

Unglücksursache war offenbar, dass wegen eines technischen Fehlers die Startklappen der Passagiermaschine vom Typ MD-82 nicht ausgefahren waren. Ein Warnsystem, das die Piloten normalerweise auf diesen verhängnisvollen Fehler aufmerksam machen soll, funktionierte nicht.

Die schlimmste Luftfahrt-Katastrophe, in der hunderte Urlauber getötet wurden, ereignete sich jedoch schon am 27. März 1977. Damals waren auf dem Teneriffa-Flughafen Rodeos auf der Startbahn zwei vollbesetzte Jumbos der niederländischen KLM und der US-amerikanischen Pan Am zusammengeprallt und explodiert. 585 Menschen Urlauber starben damals.

In dem KLM-Jumbo saßen 248 Menschen, darunter 14 Crewmitglieder - überwiegend Holländer, aber auch Deutsche. In der Pan-Am-Boeing befanden sich 396 amerikanische Passagiere und Besatzungsmitglieder.

61 Menschen des US-Jumbos überlebten, weil ihr Pilot der auf der Startpiste mit Tempo 270 heranrasenden KLM-Maschine im letzten Moment noch durch ein Manöver zur Seite wenigstens zum Teil ausweichen konnte. Die Unglücksursache ist bis heute umstritten, auch wenn eine Untersuchungskommission damals dem KLM-Flugkapitän die Schuld gab. Er sei „ohne Erlaubnis“ gestartet. Und hatte offenbar die warnende Frage seines Flugingenieurs nach der anderen Maschine ignoriert.

Doch hinzu kam wohl eine Kette weiterer tragischer Umstände: Chaos auf dem Flughafen, der völlig überlastet war, nachdem der Airport auf der Nachbarinsel Gran Canaria wegen einer Bombe gesperrt worden war. Es herrschte dichter Nebel. Mangelnde technische Ausrüstung des Teneriffa-Flughafens, möglicherweise auch schlechte Englischkenntnisse der Fluglotsen, die sich damals zudem noch im Streik befanden. ze

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