Erdbeeren_aus_Spanien

Hartes Schuften für süße Früchte: Hinter dem Erdbeeranbau verbirgt sich ein heftig  umkämpftes Geschäft.

SPANIEN LIVE - 03.11.2011 - Aus der Ferne glitzert es wie der Atlantik. Aus der Nähe entpuppen sich die Wellen als ein Meer aus Treibhäusern und Plastikplanen, die sich kilometerweit über die Äcker spannen. Wie eine Insel ragt in der Mitte dieses Plastikmeeres der südspanische 20.000-Einwohner-Ort Moguer heraus: Europas Erdbeer-Hauptstadt, auf deren Plantagen tonnenweise strahlend rote Erdbeeren für nordeuropäische Supermärkte etwa in Deutschland, Österreich oder der Schweiz reifen.

Aber nicht alles, was sich hinter diesen roten Früchten verbirgt, ist auch wirklich süß. Der industrielle Erdbeer-Anbau, der den Grundbesitzern dieser andalusischen Region Wohlstand brachte, stößt bei Verbraucherschützern in den Importländern regelmäßig auf Kritik. Etwa wenn über den massiven Einsatz von Pestiziden, Gesundheitsrisiken und über harte Arbeitsbedingungen berichtet wird. Oder über den Raubbau an der Natur – gleich vor der Tür des berühmten Donana-Nationalparks, in dem Millionen Vögel leben und Schwärme von Zugvögeln Station machen.

Wildwuchs der Erdbeer-Plantagen: Wälder werden platt gemacht, das Grundwasser illegal angezapft, Bäche stillgelegt

Im Jahr 2010 verdonnerte ein Gericht einen spanischen Erdbeerbauern zu Gefängnis, weil er mit Bulldozern einen Wald platt machte, um seine Felder auszuweiten. „Ein historisches Urteil“, jubelte die Umweltorganisation WWF, deren Naturschützer in vorderster Front gegen den Erdbeer-Wildwuchs kämpfen. „Die Behörden müssen endlich mit dem verbreiteten Gefühl der Straflosigkeit Schluss machen.“ Zwar gibt es viele Anzeigen, aber zu Anklagen kommt es fast nie.

„Waldrodung, unerlaubte Brunnenbohrungen und die Stilllegung von Bächen” begleiten das Wachstum von Europas größter „Erdbeerfabrik“, klagt der WWF. Hunderte Hektar von Beerenfeldern - jeder Hektar entspricht etwa der Größe eines Fußballplatzes - seien illegal angelegt worden. Derartige Piraten-Plantagen schadeten der Umwelt, dem Ruf der Branche und der Zukunft des Donana-Parkes, dem wohl wichtigsten Naturreservat Spaniens, das zum Weltkulturerbe gehört.

Umweltschützer und Staatsanwälte vermuten eine unselige Gemeinschaft aus Bauern, Politikern und Aufsichtsbehörden

Die trinkfreudigen Erdbeeren graben dem Nationalpark das Wasser ab. Rund 1000 illegale Brunnen klaffen wie tiefe Wunden im Einzugsgebiet, klagen die Umweltschützer. Der für das Naturparadies überlebenswichtige Grundwassersee schrumpfe. Und die andalusische Regionalregierung schaue tatenlos zu. Aufsichtsbehörden, Grundbesitzer und Politiker steckten zuweilen „unter einer Decke“, mutmaßt die für Umweltdelikte zuständige Staatsanwaltschaft in der Provinzhauptstadt Huelva. Korruption erleichtere das Geschäft.

Auch andere Szenen stören das Bild von der Erdbeeridylle: Elendsbehausungen mit Plastik- und Kartondächern zwischen den Feldern. Mit hunderten arbeitsuchenden Schwarzafrikanern. Sie kamen früher als illegale Immigranten, um hier ihr Glück zu machen. Wurden zu Dumpinglöhnen als willige Beerenpflücker eingestellt. Diese Zeiten sind vorbei, die Afrikaner haben ausgedient. Nun werden Armeen von legalen osteuropäischen und marokkanischen Feldarbeiterinnen herangekarrt, um mit Tariflöhnen für Europa Erdbeeren zu pflücken. „Frauen ertragen die harte Arbeit besser“, sagen die Landwirte, es gebe weniger Probleme. Auch spanische Arbeitslose haben mangels Alternativen neuerdings wieder Lust, auf den Feldern zu arbeiten.

Mit krummen Rücken für etwa fünf bis sechs Euro die Stunde pflücken - Es gibt immer wieder Berichte über Missbrauch und Ausbeutung

Die südspanischen Erdbeer-Fabriken stehen praktisch nie still: Im Herbst wird vor allem gepflanzt, von Jahresbeginn im Winter bis Sommer geerntet. Doch in diesem milden Atlantikklima reifen eigentlich immer irgendwelche Früchte. Neben Erdbeeren, werden Himbeeren, Brombeeren und Heidelbeeren angebaut.

In der Hauptsaison leben zehntausende Erntehelferinnen in Wohncontainern auf den Plantagen. Der Tageslohn beträgt zwischen 35 und 40 Euro. Für sechseinhalb Stunden bücken und pflücken, Unterkunft gratis. „In einer Woche verdiene ich hier so viel wie in meinem Land in einem Monat“, berichtet eine 30-jährige Rumänin namens Simona. Sie ist zufrieden, will im nächsten Jahr wieder kommen - wie die meisten Pflückerinnen.

Eine Delegation des europäischen Parlamentes, welche Europas Erdbeer-Region inspizierte, zeigte sich trotzdem besorgt. Die Situation der schuftenden Frauen sei „kompliziert“, sie seien „absolut abhängig von ihren Arbeitgeber“, es gebe Berichte über Missbrauch.

Der Verband der Erdbeerbauern wehrt sich gegen pauschale Kritik: Die meisten Plantagen seien „vorbildlich“. Es gebe „jede Menge Qualitätskontrollen“. Und die Lokalpolitiker in der Erdbeerstadt Moguer warnen davor, wegen „einzelner Vorfälle“ eine ganze Wirtschaftsbranche zu „dämonisieren“. Denn von deren Blüte hänge „Wachstum und Fortschritt“ der gesamten Region ab. Ralph Schulze

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