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Spanische Silvesterbräuche: Trauben zu Mitternacht. Spaniens berühmteste Turmuhr auf dem Platz "Puerta del Sol" in Madrid gibt den Ton an. (Bild: SpanienLive.com)

SPANIEN LIVE Bräuche - Verrückte Silvesterbräuche in Spanien: Ausgerechnet zum Jahresende, in der Silvesternacht, erleiden die Spanier merkwürdig viele Erstickungsanfälle. Und erst recht jene Ausländer, die sich tollkühn in eine spanische Silvesterfeier wagen. Als Ursache gilt jener Brauch, der vorschreibt, zu den zwölf letzten Glockenschlägen des Jahres um Mitternacht binnen Sekunden zwölf Weintrauben in den Rachen zu werfen.

Wie tausende von Menschen bei diesem gemeinschaftlichen „Traubenschlucken“ plötzlich um Luft ringen, lässt sich am besten im Herzen Madrids beobachten. Auf jenem zentralen Platz namens „Puerta del Sol“ (Tor der Sonne), auf dem sich übrigens der Kilometerstein null der spanischen Nationalstraßen befindet, trifft sich in der Silvesternacht ganz Madrid zur größten Party des Landes.

Auch in der Nacht zuvor, vom 30. zum 31. Dezember, ist der Platz zur Silvester-„Generalprobe“ schon rappelvoll: Tausende Menschen üben dann um Mitternacht schon einmal, im Glockentakt die Trauben einzuwerfen.

Das Herz der Nation schlägt Silvester auf dem Platz „Puerta del Sol“ in Madrid - Die dortige Riesenparty wird auf allen Kanälen übertragen

In der Silvesternacht sperrt die Polizei die Zugänge, sobald sich zehntausende Menschen wie Sardinen auf jenem Platz drängen, welchen im Mittelalter einmal ein Stadttor schmückte, das den Reisenden den Weg Richtung Osten öffnete. Doch der Rest der mehr als drei Millionen Einwohner Madrids und im Grunde genommen die ganze Nation feiern dann am Fernseher mit. Denn die Mega-Silvesterfeier an der „Puerta del Sol“ wird in den meisten Fernseh- und Radiokanälen direkt übertragen.

Über dem Platz wacht das schmucke Gebäude des „Königlichen Postamtes“ aus dem 18. Jahrhundert, in dem heute die Regierung der Region Madrid residiert. Und ganz oben im Turm befindet sich jene alte Stadtuhr samt mächtigen Glocken, die für das Königreich den Ton und die Zeit vorgeben. Deswegen starren die Spanier in der Silvesternacht gebannt auf dieses Uhrwerk.

Gefährliche Prozedur: Zu Mitternacht muss alle drei Sekunden und zu den zwölf Glockenschlägen eine Traube geschluckt werden

Wenn die letzten Augenblicke des Jahres anlaufen, dann zählen die Glocken dieser wohl berühmtesten Uhr Spaniens den Countdown bis zum Beginn des neuen Jahres. Alle drei Sekunden ein Glockenschlag, mit dem 46 Millionen Menschen auf Kommando eine Traube in den weit geöffneten Mund werfen und schnell herunterwürgen. Punkt Mitternacht, mit dem zwölften Schlag, muss die zwölfte Traube im Hals stecken – aber möglichst nicht steckenbleiben.

Nur dank dieser Tortur, so behauptet der Volksglaube, bringe das neue Jahr auch das erwünschte Glück, viel Gesundheit und großen Geldsegen. „Glückstrauben“ werden diese essbaren Heilsbringer sinnigerweise genannt. Damit das Traubenspiel nicht mit einem gesundheitlichen Unglück endet, wurde der Abstand zwischen den einzelnen Glockenschlägen sicherheitshalber und auf Anordnung der behördlichen Brauchtumswächter auf drei Sekunden verlängert. 

Anschließend wird mit spanischem Sekt, dem cava, angestoßen. Umarmungen und Küsschen werden ausgetauscht. Ach ja, und dann sollte man auch noch möglichst den ersten Schritt in das neue Jahr mit dem rechten Fuß machen.

Der wundersame Traubenbrauch, den sich angeblich die Weinbauern in einem Jahr mit Absatzflaute ausdachten, hat sich übrigens zum großen Geschäft entwickelt: Mehr als 500 Millionen Trauben werden in Spanien zum Jahresende abgesetzt. Als frische Ware. Oder für bequeme Fiesta-Freunde in kleinen Büchsen. Fertig geschält und entkernt, um die Traubenqual bekömmlicher zu gestalten. Kein Wunder, dass die Traubenfabrikanten schon vor Silvester die Korken knallen lassen. Ralph Schulze

 

GUT ZU WISSEN: KLEIDUNG, KARNEVAL, KONFETTI

Übrigens: Ähnliche Silvester-Fiestas und Traubenprozeduren wie auf der „Puerta del Sol“ in Madrid spielen sich auf vielen zentralen Plätzen in Spaniens Städten und Dörfern ab. Zum Brauchtum gehört auch, dass die Spanierinnen - ähnlich wie die Nachbarinnen in Italien - in der Silvesternacht rote Unterwäsche bevorzugen, was das (Liebes)Leben im kommenden Jahr beflügeln soll. Auch modische Männer tragen in dieser Nacht unter der Gürtellinie zunehmend rot. 

Ein bisschen Karneval darf sein: Verrückte Hüte, lustige Perücken, kecke Papierkappen und andere humorvolle oder kuriose Kleidungsdetails sind für Männlein wie Weiblein erlaubt. Genauso wie Konfetti, Luftschlangen und sonstige Spaßartikel das Party-Ambiente bereichern.

Mit Feuerwerk wird, verglichen etwa mit Deutschlands Raketenregen, eher sparsam umgegangen. Auch das Bleigießen ist kaum bekannt. Dafür geht aber nach Mitternacht die Party oft erst richtig los - zu Hause oder in Diskotheken. Die letzten Stunden vor dem Jahreswechsel werden hingegen zunächst einem fürstlichen Abendessen mit der Familie oder den Freuden gewidmet. Manche Restaurants und Hotels bieten Silvesterfeste mit Gala-Essen und anschließendem Ball an, dort muss reserviert werden.

Viele Señoritas und Señoras holen zu Silvester gerne das kurze oder auch lange schwarze Kleid aus dem Schrank. Die Señores dürfen ihren feinsten Partydress zur Schau stellen, um das alte wie das neue Jahr mit Stil zu feiern. Fast alles ist erlaubt, nur eines ist Pflicht: Allen Amigos ein „Feliz año nuevo“ zu wünschen! ze